spektackle

Es ist einer der letzten Sonnentage in diesem Herbst, als wir uns dem Sportfeld des BSC Offenbach oben auf der Rosenhöhe nähern. Die Nacht war wieder mal kurz, doch das tut unseren Erwartungen an das Spiel keinen Abbruch. „In Offenbach spielen sie Rugby!“, hat man uns gesagt. „Rugby?! Das ist doch dieses Brutalo-Spiel, was die auf der Insel erfunden haben…geht so ähnlich wie Football, wurde aber schon viel früher erfunden. Und das wird auf der Rosenhöhe gespielt?“
Tatsache, wärmen sich gerade knapp 30 Sportler auf dem großen Rasen auf. Sie tragen gestreifte Trikots, haben leicht verformte Gesichtszüge, was wohl dem Mundschutz geschuldet ist und laufen einem eiförmigen Ball hinterher. Von Zeit zu Zeit sieht man, wie einer von ihnen von Mitspielern in die Höhe gehoben wird. Er kriegt dann den Einwurf zugespielt und sucht zügig nach einer passenden Anspielstation. Der Klumpen aus Spielern verteilt sich schnell wieder in alle Richtungen.
Wir schlendern rüber zur Zuschauertribüne und treffen dort Susanne, die junge Physiotherapeutin. Sie wirkt leicht angespannt. Als Sportstudentin will sie sich am Wochenende was dazu verdienen und hofft, dass es unblutig bleibt heute, bei ihrem ersten Spiel.
Trainer Lofty hingegen hat vor diesem Lokalderby gegen den Erzfeind Heusenstamm vermutlich gerade andere Sorgen im Kopf. Bezeichnenderweise kommt der langhaarige Mann aus Neuseeland, wo Rugby so etwas wie Nationalsport ist. Das merkt man ihm vor allem dann an, wenn er von der Seitenauslinie mit seiner sonoren Stimme und dem ungewöhnlichen Dialekt Spielzüge ansagt, welche für seine Spieler vermutlich noch in 80 Metern Entfernung hörbar sind. Eine außergewöhnliche Leidenschaft schwingt dabei immer in seiner Stimme mit, so scheint uns.

Bevor es losgeht, checkt der Schiedsrichter noch einmal die Stollen an den Schuhen der Spieler. Man will ja niemandem etwas unterstellen, aber es soll Spieler geben, die sich jene anspitzen, um im Zweikampf besser wegzukommen. Und Offenbach soll ja bekanntlich ein hartes Pflaster sein. Doch heute besteht kein Anlass zur Beunruhigung; an diesem sonnigen Tag scheint alles den Regeln zu entsprechen und das Spiel beginnt.
In der Zwischenzeit hat sich auch die überschaubare Tribüne hinter uns gefüllt. Ein kleines Soziogramm ergibt, dass Zuschauer aller Alterklassen vertreten sind. Von der Spielerfreundin über Kumpels und Eltern bis hin zu betagteren Edel-Fans, hat sich  allerhand hier eingefunden und verfolgt -meist- aufmerksam das Match.
Wir versuchen das Gleiche zu tun, stellen aber schnell fest, dass das Regelwerk für Außenstehende zunächst schwer zugänglich ist. Trotzdem sind wir beeindruckt vom Tempo und der rohen Körperlichkeit, die auf dem Spielfeld stattfindet. Vielleicht ist es gerade dieser Gegensatz; Komplexität auf der einen Seite und das Grobe, Einfache, der Körper auf der anderen, welcher die Sportart interessant macht.

Achja, die Regeln. Wie uns scheint sind wir nicht die einzigen Beobachter, die die Regeln des Spiels noch nicht intus haben. Auch die anderen Fans philosophieren über den ein oder anderen Pfiff wild herum. Was ist gerade passiert? Wieso kriegen die jetzt Einwurf…?
Unser Eindruck ist jedenfalls, dass Offenbach das Spiel dominiert und das wird zumindest durch einen Fan bestätigt, der den Spielstand ziemlich genau auf 17-7 schätzt.
Nach der Halbzeit, kann der BSC weiter Druck nach vorne machen. Auch wenn der Gegner durch ein paar gekonnte Einzelaktionen punkten kann, beherrschen die Jungs aus Offenbach das Match. Beim Endstand von 24-14 schließlich, pfeift der Schiedsrichter ab.

Neben der großen Freude über ihren Sieg, sieht man den Spielern aber auch den Verschleiß an: eine Mixtur aus Schweiß, Erde und Gras ziert die Sportbekleidung der Helden. Besonders Nummer 7 hat es beim letzten Spielzug voll erwischt. „Ist wahrscheinlich gebrochen die Nase…das hatt´ ich schonmal“, meint der junge Mann relativ trocken und drückt an seinem Riecher rum. Somit wurden Susannes Hoffnungen auf ein unblutiges Spiel im letzten Moment doch noch zerstört, aber sei´s drum. Der Kasten Bier steht bereit. Es wird Zeit, dass er auf seine guten Freunde Euphorie, Stolz und Testosteron trifft…WHOOMP BSC

PS: Football geht anders.

Kick-Off

Exkurs:
Laut Wikipedia geht der Begriff „Derby“ im Zusammenhang von Mannschaftssportarten auf ein mittelalterliches „Sportereignis“ – das „Shrovetide-Fußballspiel“ – in England zurück. Teilnehmer waren Einwohner benachbarter Gemeinden des Dorfes Ashbourne in der Region Derbyshire. Bei dem Spiel des „derby village“ ging es darum, dass die Spieler versuchten, mit einem Ball das gegnerische Tor – einen Mühlstein – zu berühren. Die Entfernung der Mühlsteine zueinander betrug etwa 3 Meilen. Weder die Regeln des Spiels, noch die Zahl der Spieler (teilweise bis zu 1000 Teilnehmer) waren genau definiert. Das erste nachweisbare Fußballderby der Moderne wurde 1866 in Nottingham zwischen zwei der ältesten Fußballvereine der Welt ausgetragen, zwischen Nottingham Forest und Notts County.
Der Ausdruck „Derby“ wird heutzutage unterschiedlich gebraucht. Im deutschen Sprachgebrauch steht er meist für Spiele zwischen Vereinsmannschaften und wird mitunter auch synonym für ein allgemein prestigeträchtiges Traditionsduell verwendet.

 
Prestige? Tradition? Ist das so?
Wenn ich mich an den 02.August 2009 zurück erinnere, fallen mir die vielen Menschen wieder ein. Da wird was los sein auf dem Berg. So viel wusste ich schon vorher. Also dachte ich, ich häng mir die Kamera um den Hals und wir ziehen los.
Und noch nie war das Abdrücken so einfach. klick! hab ich dich im Kasten. Nahezu unsichtbar konnte ich zwischen den Menschenmassen hindurchschleichen um selbige einzufangen. klick! noch eins. klick-klick! Die Flut von Motiven floss nur so an mir vorbei.
Darf ich jetzt da hoch? – Bestimmt, die Menschen sind so in ihrem Flow, ohne rot-weißen Schal können sie mich jetzt eh nicht sehen. Zum Glück ist mir das Spiel egal. So kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren:

Was wurde eigentlich aus…dem Tambourbad?

Wenn man sich heute auf dem steril anmutenden Sportplatz am Wiener Ring umsieht, erinnert nichts mehr an die verwesende Rutschenlandschaft des früheren Tambourbads. Alles blitzt so schön neu – vom Kunstrasen bis hin zu den angehenden Fußballstars der Kickers Junioren, die gelassen über den Platz schlappen. Was aber hat es auf sich mit Offenbachs verstorbenem Waldschimmbad am Bieberer Berg? Verlässliche Auskünfte gibt der Haus- und Hofmeister des heutigen Sportzentrums, Herr Priemel, wie die Blume nur mit ie. Er fühlt sich auf dem Gelände wie zu Hause. „Ich wohn seit über 20 Jahren hier. Da hinten, neben den Turnhallen ist meine Wohnung.“ Generell weiß Herr Priemel also ziemlich viel über das fast schon sagenumwobene Tambourbad. Dessen Beginn hat allerdings viel mit Abfall zu tun. Vor mehr als 50 Jahren wurde auf dem Areal eine Mülldeponie angelegt. Gummi, Papier, Schrott wurde bergeweise gestapelt. Im Rahmen der Offenbach-Improvement-Bewegung Mitte der 60er Jahre wollte man sich dieser Massen dann entledigen, buddelte ein Loch, ließ die Tonnen an Zeug darin verschwinden und kleisterte es wieder zu. Aus dem Auge aus dem Sinn. Ein netter Rasen sorgte für einen passenden Grund für ein schickes Schwimmbad. 68 die Einweihung. Eine mordsmäßige Bade-Ära wurde eingeläutet, Herr Priemel erinnert sich gern zurück. „Da hinten hatten wir ne Rutsche und sogar einen Sprungturm“, erzählt er und deutet auf den Waldrand direkt zur Bieberer Straße hin. Viel war los, das Bad war immer beliebt. Anfang der 90er dann die Wende. Der Müll habe Faulgase produziert, die unterirdisch vor sich hin rumorten, Massensterben und vielleicht auch Allergien verursachen würden. Das Bad müsse dahinscheiden bevor es jemand der Gäste täte. Laut Herr Priemel ist das alles „Quatsch mit Soß´“ gewesen. „Hier ist niemand krank geworden. Meine Exfrau und ich haben hier gelebt und mir geht’s gut. Der auch, hab die grad erst wieder gesehn.“ Schluss mit Planschspaß. Herr Priemel war nach der Schließung nicht mehr Hausmeister des einst belebten Schwimmbads vielmehr Platzwart eines Friedhofs.


Aber auch das hat ihm zugesagt. „Klar, alle halbe Jahr kam das Himmelfahrtskommando, um wieder ne Fuhre Gas abzufackeln, dann gabs n Knall, ne Wolke und die Sache wurde wieder für n paar Monate in Ruhe gelassen.“ In dieser Zeit war es die Aufgabe des Platzwarts dafür zu sorgen, dass kein Unfug auf dem Gelände getrieben wird. Was nicht bedeutete, dass er begabten Sprayern und inszenierungssüchtigen HfGlern nicht auch mal freie Hand bei der Umgestaltung der Beckenwände ließ. „Ich hab denen immer gesgat: Solange es am Ende gut ausschaut, seh und hör ich nichts.“ Strich für Strich, Blatt um Blatt. Zunehmend etwickelte sich das Tambourbad zu einer gespenstischen The-Tribe-nur-noch-Kinder-leben-Dystopie. Inklusive Schnappschildkröten. (Während unserer Unterhaltung spricht Herr Priemel tatsächlich sehr oft von den Reptilien, er scheint in seiner doch recht einsamen Zeit Gefallen an ihnen gefunden zu haben). Krimiwelt pur. Dachte sich auch das Team der ARD. „Ne hässliche Frau, diese Sawatzki.“, erzählt Herr Priemel in einem Atemzug mit den wilden Geschichten über die Dreharbeiten für Tatort und Polizeiruf 110, die er mitverfolgen konnte. Schusswechsel im leergelaufenen Becken, Schlagabtausch am Sprungturm. „Mit alles drum und dran.“, wie er sich ausdrückt. Man denkt bei seinen Erzählungen fast ein bisschen an einen RTL TV Roman. „Gasinferno RheinMain. Morgen raucht Offenbach ab.“ Oder „Faulgase im Tambourbad. Offenbach stinkt zum Himmel.“ Trotz dieser wirklich schönen filmischen Einsätze wurde das Gebiet wieder zweckmäßig genutzt. Kein Schwimmbad mehr – viel zu gesundheitsgefährdend. Mit Sport verbringen die Offenbacher weniger Zeit. Daher lag der Bau eines Ertüchtigungszentrums näher. Also weg mit den verhangenen Rutschen, weg mit den Schnappschildkröten.


Auf meinem Heimweg gerate ich zufällig in ein Gespräch mit einer etwas älteren Passantin aus der Nachbarschaft. Sie versichert mir – entgegen aller vorangegangenen Recherchen – dass das Bad noch existiere. Vom Bau des Sportgeländes will sie nichts wissen. Ich erkundige mich weiter, ob sie denn von den giftigen Gasen gehört habe, die dort rumort und ordentlich auf die Gesundheit geschlagen hätten. Nein, das halte sie für Humbug, sie sei früher sehr oft gewesen dort gewesen. Aber wenn ich ins Bad wolle, müsse ich mich beeilen, weil es nach 14 Uhr immer voll wird. Einfach die Straße runter und dann links, meinte sie.