Die Schachmänner

Etwas schüchtern stehen wir einige Zeit am Rand des großen Spielfelds am Stadthof, direkt neben der Kirche und beobachten das Match, das gerade zwischen zwei Schachmännern am Laufen ist. Einmal brauchen die beiden fast 3 Minuten für einen Zug, ein anderes Mal folgen 5,6 Züge direkt aufeinander, sodass wir als Zuschauer (und mehr Schach-Bekannte als –Freunde) kaum folgen können.

Die beiden Spieler, ein arabisch wirkender und ein kleiner Asiate, sind vertieft in ihre Strategien, aber auch die zwei Hand voll Männer, die sich auf den Bänken rund um das Schwarz-Weiss-Feld niedergelassen haben, verfolgen jeden Zug. Anders als wir sind sie keine stummen Betrachter – immer wieder kommentieren Sie die Entscheidungen der Spieler, lachen manchmal etwas hämisch oder rufen Vorschläge rein. Mit der Zeit scheinen wir für die Schachmänner sichtbar zu werden, denn immer mal wieder lösen sie ihre Blicke vom Feld und schauen uns an. Durch unser langes Ausharren fallen wir wohl aus dem Raster der sonstigen Passanten, die dem Spiel der Könige nur einen kleinen Seitenblick schenken während sie vorbeihetzen. Schach matt. Aus heiterem Himmel ist die Runde beendet, die Gegner geben sich die Hände. Anscheinend hat der Asiate verloren. Er schüttelt immer wieder enttäuscht den Kopf und sieht irgendwie geschafft aus. Aber das ist schon Schnee von gestern, denn die halben Meter großen Figuren werden vom Rand gesammelt und neu aufgetischt.

Wir nutzen die Unruhe vor dem neuen Match und reihen uns ein in den Kreis der Spieler – auf die andere Seite des Felds. Der Araber und Gewinner der letzten Partie zündet sich gerade eine Zigarette an, als wir ihn zum Ausgang des Spiels befragen. Im Schneidersitz hat er auf der großen Steinkiste Platz genommen, die sonst die Figuren lagert. In gebrochenem Deutsch erklärt er uns geduldig welche Züge, ihn zum Sieger gemacht haben. Der arabische Schachmann heißt Sadiq und das Spiel hat er in der Heimat gelernt, in Afghanistan. Wie lange das her ist, weiß er nicht mehr. Wer all die anderen Schachmänner sind, kann er auch nicht so genau sagen. „Wir kennen uns alle von hier, jeder kommt, sobald er kann oder nach der Arbeit, um ein oder zwei Stunden zu spielen.“ Das neue Spiel startet, es wird leiser in der Runde. Noch hat jeder der beiden neuen Spieler alle Chancen zu siegen und die Zuschauer nicht viel Einwände was die ersten paar Züge betrifft. Während unseres Gesprächs wandert Sadiqs Blick immer wieder an uns vorbei kurz rüber zum Feld. Schach bedeutet für ihn Zeitvertreib, der Langeweile daheim den Rücken kehren und sich den 16 schwarzen oder weissen Figuren zuwenden. „Wir können sonst nichts anderes machen, alles kostet Geld.“, erzählt Sarwrai, der sich auch ins Gespräch eingeschaltet hat. „Frag mal die Leute hier,“ sagt er und zeigt in die Runde. „Keiner hat auch nur 10 Euro dabei.“ Als würden wir ihm das nicht glauben, zeigt er uns sein Portemonnaie vor, nur 2 rote Münzen und ein paar Karten sind darin zu sehen. Schach. Kurz Gejohle, anscheinend ein Fehler des jüngeren Mannes, der gerade seinen Bauer ein Feld nach vorne bewegt hat.

„Wir dürfen immer nur von 8 bis 8 abends spielen. Sonst ist es nicht erlaubt. Auch Sonntags ist jetzt hier geschlossen, weil wir die Ruhe stören würden“, erzählt Sarwrai. Die Männer um ihn herum steigen mit auf das Thema ein, wenden sich kurz vom Schach ab, murmeln, ärgern sich. „Da können die ja gleich die ganze Stadt sperren.“ Ein paar lachen und langsam versiegt die aufgeheitzte Stimmung über die Schachsperre wieder und fängt direkt Feuer für das aktuelle, jetzt viel schnellere Spiel.

Vor allem die Kirche würde sich gestört sehen, erzählen die Männer, es sei zu laut, wenn Sie hier spielen würden. Schach Matt. Auch diese Runde ist vorbei. Und schon werden die Figuren wieder emsig eingesammelt, aufgereiht, so wie sich die 2 neuen Spieler gegenüber voneinander aufreihen. Auf uns machen die Männer keinen lauten Eindruck. Trotzdem erzählt Josef, der zwischen zwei Bänken am Boden sitzt, dass es manchmal schon „heiß her gehen kann“. „Schach ist eben ein 2-Mann-Spiel. Hier stehen aber viele Spieler, die Schach mögen und noch lieber reinreden, wenn andere dran sind.“ So würde es immer mal zu Kappeleien kommen. Auf keinen Fall aber Handgreiflichkeiten – es ist ja nur ein Spiel, sagt er.

Sadiq, Josef und die anderen sind einverstanden als wir ein paar Bilder schießen. Sie machen Scherze und erkundigen sich bei uns, wieso wir sie all das fragen. Es ist angenehm zwischen den Schachmännern, angenehmer als vor ihnen zu stehen und stumm das Spielfeld zu betrachten. Zur Verabschiedung reichen uns viele die Hände, lachen uns zu – „bis zum nächsten Mal“ rufen sie uns hinterher. Chess mate.

Von Sozialromantik und anderen Widrigkeiten

Die Stimmung in den Problemvierteln Offenbachs erhitzt sich analog zu den sommerlichen Temperaturen. Über schlafraubende Unruhe, Müll und Gehwegblockierung durch kollektives Rumstehen der Ausländer beschweren sich die Anwohner des Mathildenviertels.

Vor allem im Bereich der Bieberer Straße ist die Stimmung angespannt – denn eine pulsierende Kneipenlandschaft lockt die unter anderem aus Bulgarien oder der Türkei stammenden Osteuropäer. Internetcafés und Kartenspiele bieten willkommene Ablenkung von der Arbeitssuche in Deutschland. Ein Potpourri aus lautstarkem Stimmengewirr in Sprachen, die man nicht versteht, stört die Nachbarschaft. Die bei der Offenbach-Post eingehenden Leserbriefe häufen sich, mehr und mehr Beschwerden werden bei der Polizei eingereicht. Man hat das Gefühl, es dauert nicht mehr lang bis die Ur-Offenbacher mit Fackeln und Mistgabeln auf die Einwanderer zustürmen, um sie eigenhändig „vo d´ Gass“ zu vertreiben.

Das Quartiersmanagement unter Marcus Schenk weiß: Gegen die siedende Situation muss vorgegangen werden. Schon seit geraumer Zeit versucht das Mediatorenteam Austausch zwischen den Fronten zu schaffen, Dialog zu ermöglichen. Vergangenen Mittwoch dann ein weiterer Versuch. Mit Kaffee und Gebäck. Zwei Biertische, reich gedeckt mit verschiedensten Blechkuchen, direkt vorm Sport-Cafe (Sportwetten und mehr), boten die temporäre Anlaufstelle der Quartiersmanager. „Wir wollen nur mal Bescheid geben, dass wir da sind.“ So erklärt die Dame, die versucht Süßes und Heißgetränke an vorbeihuschende Passanten zu verteilen, den Anlass des Standes. Nur Senioren scheinen anzuhalten und die Gaben entgegen zu nehmen. Diese „Wir sind dann jetzt mal hier“-Aufmachung bringt ein Hauch von Ironie mit sich. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die redebereiten und motivierten Menschen rund um Herr Schenk den eher passiv wirkenden Fremden gegenüberstehen. Umringt von zwielichtigen Kneipen.

„Die Straße hier erregt Aufsehen. Angefangen bei steigenden Mahnungen bezüglich der Ruhestörung bis hin zur ewigen Müllproblematik.“, erzählt der Leiter des Stadtviertelbüros, welches am Mathildenplatz zu finden ist. Dass die üblichen Stammgäste von Joker und Co. auf dem gegenüberliegenden Parkplatz in ihren Autos nächtigen, um den für sie nicht bezahlbaren Zimmermieten zu entgehen oder zumindest ein klein wenig Privatsphäre zu haben (in Anbetracht der drei-oder vierfachen Belegung gerade noch erschwinglicher Zimmer), scheint das als geringstes Problem. „Konflikte entstehen hier durch die unterschiedlichen Lebensweisen der aufeinandertreffenden Kulturen. In südlichen Ländern spielt sich das Leben nun mal auf der Straße ab.“ Da würde einfach anders gelebt werden und das müsse bis zu einem gewissen Punkt akzeptiert werden meint Schenk. Trotzdem gehe die „Sozialromantik“ nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn die Klagen der Offenbacher häufen sich (obwohl man dabei das „breite Spektrum an Empfindlichkeiten“ auf Seiten der Anwohner mit einberechnen müsse). Weitere Maßnahmen werden also forciert. „Mehr Kontrollen, die Betreiber der Bars ins Boot holen und Migrationsberatung.“ Das zählt der Chef des Quartiers als Beispiele für ebendiese auf (Er unterbricht übrigens immer wieder die Unterhaltung, um vorübergehenden Passanten Kuchen anzubieten). Die Bar- und Ladenbesitzer würden häufig als Vermittler fungieren, denn viele der Einwanderer können kaum oder gar kein Deutsch. Mit allen habe man sich sogar an diesem Mittwoch – mit Unterstützung der Dolmetscher – unterhalten können, ein weiteres Treffen am Mathildenplatzbüro sei bereits angesetzt. Die Stimme von Schenk ist zuversichtlich, sein Blick trotz gelbgetönter Ray Ban Sonnenbrille hoffnungsvoll.

Überblickt man die zwei Lager in der Bieberer Straße, scheint die Vorstellung einer Annäherung irgendwie fern. Zumindest lässt der herannahende Herbst vermuten, dass sich das Leben der mediterran geprägten Ausländer zeitweise nach drinnen verlagern wird und so gegebenenfalls für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgt.