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Zu Gast bei Apfelwein Klein

Viele Details machen den kleinen Hinterhof zu einem Inbegriff von Gemütlichkeit. Es herrscht eine Atmosphäre wie bei nem Grillabend mit Freunden. Biertische und Stühle mit bunten Sitzkissen. Kutschenräder aus Holz, die man sonst nur an den Türen von Schrebergartenhüttchen sieht. Weintraubengewächse mit fast schon reifen Früchten umranken den Biergarten, der direkt an die Balkone der Wohnhäuser angrenzt. Wir sind in der Gastwirtschaft Klein.

Die Chefin des Restaurants, Sabine Klein, schildert uns die traditionsreiche Vergangenheit des Lokals. Frau Klein lächelt häufig während sie erzählt. Sie spricht von einem 130jährigem Bestehen, die Führung der Wirtschaft seit fünf Generationen. Von der Besonderheit des hausgemachten Apfelweins – mild ist er. Frau Klein erklärt uns wie man Apfelwein herstellt und dass die Bratkartoffeln des Hauses „der große Hit sind“. Sie erzählt vom Rahmschnitzel, das sie am liebsten mag, erzählt von „Grie Soß“, das hessische Original. Selbst Paul kommt bei diesen Geschichten ins Babbeln: „Ebbelwoi geht immer nei!“ kommts aus ihm raus, als Frau Klein uns Gläser des selbst gekelterten Weins anbietet. Immer wieder werden Schnitzel an uns vorbei in den Biergarten gebracht, garniert mit Pommes und Salat. Einfach gutes deutsches Essen. Beim Vorbeilaufen an der Küche kann man Herrn Klein auch beim Kochen zuschauen. Er bereitet alles selbst  zu. Wir gehen mit Sabine, die uns mittlerweile das Du angeboten hat, zur Kegelbahn. Ein Raum wie aus den Siebzigern, in dem ein Waschbecken mit Spiegel steht. Man kann ihn auch mieten – und es darf sogar geraucht werden. An der Wand hängen diese gestickten Bilder mit witzigen Sprüchen über die haustypische Manier.
In der idyllischen Welt von Apfelwein Klein fühlt man sich ein bisschen in die Kindheit zurückversetzt, wie wenn man den Geruch von Bepanthen in die Nase bekommt. Alles ist irgendwie bekannt und heil.

Die Gäste machen alle einen zufriedenen Eindruck. Genauso wie die drei älteren Schwaben. Sie sind gerade auf der Durchreise, machen Pause von ihrer Main-Radtour, die sie von Bayreuth bis nach Mainz bringt. 600 km in 10 Tagen. Zunächst sind die Süddeutschen sehr kritisch gegenüber unserem Vorhaben, sie zu OFF zu befragen. Wer weiß, wo das dann veröffentlicht wird und wer daraus wieder Profit schlägt. Womöglich noch auf Facebook, denkt sich Hans, einer der drei, der offenbar noch persönlich in den Genuss einer Habermas´schen Vorlesung gekommen ist. Erst im Gespräch über die Ziele unseres Projekts, lassen sie ihre Zweifel langsam fallen und verraten uns, dass sie vom Apfelwein Klein positiv überrascht sind. Gleichzeitig aber geben sie offen zu, den Rest, den sie von Offenbach kennen gelernt haben, grauenhaft zu finden. „Offenbach macht einen ungepflegten Eindruck, schäbig“, sprudelt es aus einem der Herren raus. „Wir sind durch so viele Orte gekommen in der letzten Zeit – wirklich alle waren um Längen schöner als diese Stadt hier.“ Sie beklagen sich über den Dreck, die Ignoranz der Menschen. Nur aus reinem Zufall wären Sie auf die Gaststätte gekommen. „Wir haben fast zehn Leute gefragt, wo es einen Biergarten gibt. Entweder hat man uns gar nicht geantwortet oder die wussten nicht Bescheid.“ Auch, was Sehenswürdigkeiten betrifft, konnte man ihnen kaum Auskunft geben. Auf das Isenburger Schloss seien sie nur durch das Straßenleitsystem aufmerksam geworden. Sie scheinen ihre eigene Stadt nicht zu kennen, so hätten die Menschen hier gewirkt. Die Herren – Alt 68er, wie sie sich selbst vorstellen, erkundigen sich nach dem Leben, der Stimmung in Offenbach. Sie wissen, dass sie nur einen komprimierten Eindruck erhalten haben auf ihrem Weg nach Mainz.

Einen kurzen Eindruck, das stimmt. Aber einer, der ziemlich gut umreißt, was es heißt, in Offenbach zu wohnen. Die vielen Kulturen der Stadt machen das Leben hier multikulturell. Gleichzeitig bringt das aber auch gewisse Anonymität mit sich. Für viele ist Offenbach nicht die Heimat. Die eigene Tradition hat nichts mit Apfelwein oder Schnitzel zu tun. Der Bezug zur Stadt fehlt, man bleibt unter sich. Es ist das „Gutbürgerliche“, was häufig im Rest von Offenbach zu kurz kommt und trotz aller Liebe zum Mondänen, immer mal wieder gut tut.