Bei Bäckerei Beck

Es ist kurz vor Acht. Der Tag scheint noch nicht ganz wach, genauso wie ich. Im Verkaufsladen der Bäckerei Beck ist nicht mehr viel los. Der große Ansturm sei zwischen halb sieben und halb acht, wenn die meisten auf dem Weg sind zur Arbeit, erzählt mir Christine Beck, die Schwester des Bäckermeisters Beck & Chefin an der Ladentheke. Sie sitzt gerade mit der einzigen Kundin im weinroten Kaffeestübchen der Bäckerei und verschnauft nach dem Stress in den Morgenstunden ein erstes Mal. Der winzige Raum ist ausgestattet mit einer Handvoll kleiner Holztische, die mit weißen Rüschentüchern bedeckt sind. Als die Beiden sich wieder ihrem Gespräch über die verschiedenen Ärzte Offenbachs widmen, schaue ich mich im kleinen Laden um. Mir fällt auf, dass ich schon lange nicht mehr in einer „richtigen“ Bäckerei, wie der am Wilhelmsplatz, eingekauft habe. Meine Baguettes für den Grillabend hole ich im Glockenbäcker, meine Brezeln bei Backfactory (da gibt’s für 2 Euro gleich 4 oder 5 Stück), das Frühstücksrosinenbrötchen meist beim SB-Bäcker neben KFC, der ist so schön nah an der S-Bahn. Alle haben den großen Vorteil, dass sich die Klappen schnell öffnen und wieder schließen lassen, man für wenig Geld zwar nicht das Beste aber viel bekommt und zackig wieder draußen ist. Ein Donut mit leicht verlaufener Schokoglasur ist auch immer drin.

Bei Beck gibt’s weder Muffins noch Donuts. Die Brezeln bekommt man nicht im 5er Pack günstiger. Man ist auch nicht mal schnell unterwegs, denn Verkäuferinnen wie Christine Beck kümmern sich um das Einpacken der Brötchen und es gibt nur eine leicht vergilbte Kasse. Die ladenfüllenden Schließfächer für die Backwaren fehlen auch. Stattdessen fühlt man sich in der über 100 Jahre alten Bäckerei ein bisschen zurückversetzt in die Sechziger, was nicht zuletzt am Nostalgie-Kaffeestübchen liegt. Aber auch der Rest des Ladens ist gemütlich. Es strotzt nur so vor interessanten Details, Postkarten hängen hinterm Tresen an der Wand, es gibt Kakao in Flaschen und Pulverkaffee zu kaufen. Trotz der Besonderheiten, hat der Handwerksbetrieb mit dem To-Go-Angebot der Schnell-Produzenten zu kämpfen. „Generell ist viel weniger los als früher. Wir merken das einfach, dass gerade auf der Einkaufsstraße immer mehr schnelle Bäcker öffnen“, erzählt Frau Beck.

Auch der Geselle Bender, der schon sein ganzes Leben in einer Backstube hantiert, kennt die Kaufgewohnheiten der heutigen Kunden gut. „Für viele passt das Einkaufen in einer Konditorei nur noch zu einem schönen Besuch auf dem Markt am Samstagmorgen. Die täglich nötigen Sachen werden beim Bäcker geholt, der direkt im Rewe eine Filiale hat und sowieso angesteuert wird.“ Ich unterhalte mich mit dem etwas älteren Mann, dessen langes Haar von einer roten Kappe bedeckt ist, hinten in der Backstube. Seinen Blick richtet er nur auf die Anzeige der kleinen Waage, mit denen er das Gewicht der Nussschnecken prüft. Seine Augenringe entdecke ich trotzdem. Sie lassen ihn grimmig wirken, im Gespräch merke ich aber schnell, dass es sich bei Herrn Bender um einen herzlichen Menschen handelt. Er erzählt von seiner Zeit als junger Geselle, in der er die Sommertage am See verbrachte und des Nachts fleißig in der Backstube werkelte. Herr Bender ist auch ein witziger Kollege und zieht den Lehrling Tobias mit dessen, nach ihm „fehlgeleiteten“ Leidenschaft für den OFC auf. Tobias ist 19 Jahre alt und steht kurz vor der Abschlussprüfung zum Gesellen. Er mag seinen Job sehr, wollte immer was mit Handwerk machen. „Über einen Einstieg als Metzger hab ich auch nachgedacht, aber ich kann kein Blut sehen“, erzählt mir der sehr jung wirkende Azubi etwas peinlich berührt. Die Nacht schlägt er sich ab 0:30 Uhr mit Backen um die Ohren. Jetzt, gegen halb neun morgens, ist seine Schicht beendet. Er geht dann meistens joggen, im Anschluss schläft er so bis sechs um dann ins Fußballtraining zu starten. Gegen zehn wird dann nochmal ein Powernap gehalten, bevor es mitten in der Nacht wieder zur Arbeit geht. Tobias lacht, als er sieht, wie ich verwundert den Kopf schüttele. Ich finde es erstaunlich, dass sich ein junger Mensch heutzutage so entschieden einer Ausbildung widmet, die das soziale Leben in gewisser Hinsicht einschränkt. „Zu Beginn war es anstrengend, Lehre und Privatleben aufeinander abzustimmen, da war ich oft ziemlich geschafft. Aber ich hab mich dran gewöhnt und jetzt ist´s easy“, meint er achselzuckend. Er begleitet mich mit Herrn Bender auf der kleinen Tour durch die Bäckerei, obwohl seine Schicht schon vorbei ist. Beiden merkt man die Leidenschaft für die Backkunst an. Sie zeigen mir den Etagenofen und schieben extra für mich neue Baguettes rein, damit ich sie „wachsen“ sehen kann. Der Kühlraum wird mir gezeigt, wo viele eingefrorene Nussecken und Granatsplitter lagern. Außerdem erklären die beiden, wie man Geschmierte herstellt. Für mich als gebürtige Offenbacherin eine Köstlichkeit: geröstetes Eierweck mit Zuckerglasur. Schon ewig habe ich keinen mehr gegessen, fällt mir dabei auf, dabei gab es in meiner Kindheit nichts besseres für mich. Ich kenne auch keinen Discountbäcker, der etwas Vergleichbares anbietet. Während mir schon das Wasser im Mund zusammen läuft, erfahre ich, dass Tobias viel lieber Quarkhörnchen mag – Herr Bender isst alles aus dem Angebot der Bäckerei Beck gern, er hegt keinerlei Präferenzen. Die beiden dürfen sich nach Lust und Laune am Selbstgebackenen bedienen. Unser Rundgang durch den Backstage-Bereich neigt sich dem Ende zu. Auf Herrn Bender wartet noch ein Polnischer Käsekuchen, der heute noch an Offenbacher Kaffees raus muss, die von Beck beliefert werden. Tobias hat sich mittlerweile seinen Trainingsanzug übergeworfen, seine Haare sind nun hochgegelt. Bevor er sich verabschiedet, holt er noch die nun fertigen Baguettes aus dem Etagenofen.

Bei all dem ermunternden Duft von frischem Gebäck habe ich meine Müdigkeit ganz hinter mir gelassen, stattdessen ist Lust auf ein gutes Frühstück da. Ausgestattet mit Eierweck und Butterbrötchen für die Oma, mache ich mich wieder auf den Weg. Ein frischer Geschmierter mit dunkler Glasur ist auch noch drin – ganz wie früher.