Kick-Off

Exkurs:
Laut Wikipedia geht der Begriff „Derby“ im Zusammenhang von Mannschaftssportarten auf ein mittelalterliches „Sportereignis“ – das „Shrovetide-Fußballspiel“ – in England zurück. Teilnehmer waren Einwohner benachbarter Gemeinden des Dorfes Ashbourne in der Region Derbyshire. Bei dem Spiel des „derby village“ ging es darum, dass die Spieler versuchten, mit einem Ball das gegnerische Tor – einen Mühlstein – zu berühren. Die Entfernung der Mühlsteine zueinander betrug etwa 3 Meilen. Weder die Regeln des Spiels, noch die Zahl der Spieler (teilweise bis zu 1000 Teilnehmer) waren genau definiert. Das erste nachweisbare Fußballderby der Moderne wurde 1866 in Nottingham zwischen zwei der ältesten Fußballvereine der Welt ausgetragen, zwischen Nottingham Forest und Notts County.
Der Ausdruck „Derby“ wird heutzutage unterschiedlich gebraucht. Im deutschen Sprachgebrauch steht er meist für Spiele zwischen Vereinsmannschaften und wird mitunter auch synonym für ein allgemein prestigeträchtiges Traditionsduell verwendet.

 
Prestige? Tradition? Ist das so?
Wenn ich mich an den 02.August 2009 zurück erinnere, fallen mir die vielen Menschen wieder ein. Da wird was los sein auf dem Berg. So viel wusste ich schon vorher. Also dachte ich, ich häng mir die Kamera um den Hals und wir ziehen los.
Und noch nie war das Abdrücken so einfach. klick! hab ich dich im Kasten. Nahezu unsichtbar konnte ich zwischen den Menschenmassen hindurchschleichen um selbige einzufangen. klick! noch eins. klick-klick! Die Flut von Motiven floss nur so an mir vorbei.
Darf ich jetzt da hoch? – Bestimmt, die Menschen sind so in ihrem Flow, ohne rot-weißen Schal können sie mich jetzt eh nicht sehen. Zum Glück ist mir das Spiel egal. So kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren:

Von Sozialromantik und anderen Widrigkeiten

Die Stimmung in den Problemvierteln Offenbachs erhitzt sich analog zu den sommerlichen Temperaturen. Über schlafraubende Unruhe, Müll und Gehwegblockierung durch kollektives Rumstehen der Ausländer beschweren sich die Anwohner des Mathildenviertels.

Vor allem im Bereich der Bieberer Straße ist die Stimmung angespannt – denn eine pulsierende Kneipenlandschaft lockt die unter anderem aus Bulgarien oder der Türkei stammenden Osteuropäer. Internetcafés und Kartenspiele bieten willkommene Ablenkung von der Arbeitssuche in Deutschland. Ein Potpourri aus lautstarkem Stimmengewirr in Sprachen, die man nicht versteht, stört die Nachbarschaft. Die bei der Offenbach-Post eingehenden Leserbriefe häufen sich, mehr und mehr Beschwerden werden bei der Polizei eingereicht. Man hat das Gefühl, es dauert nicht mehr lang bis die Ur-Offenbacher mit Fackeln und Mistgabeln auf die Einwanderer zustürmen, um sie eigenhändig „vo d´ Gass“ zu vertreiben.

Das Quartiersmanagement unter Marcus Schenk weiß: Gegen die siedende Situation muss vorgegangen werden. Schon seit geraumer Zeit versucht das Mediatorenteam Austausch zwischen den Fronten zu schaffen, Dialog zu ermöglichen. Vergangenen Mittwoch dann ein weiterer Versuch. Mit Kaffee und Gebäck. Zwei Biertische, reich gedeckt mit verschiedensten Blechkuchen, direkt vorm Sport-Cafe (Sportwetten und mehr), boten die temporäre Anlaufstelle der Quartiersmanager. „Wir wollen nur mal Bescheid geben, dass wir da sind.“ So erklärt die Dame, die versucht Süßes und Heißgetränke an vorbeihuschende Passanten zu verteilen, den Anlass des Standes. Nur Senioren scheinen anzuhalten und die Gaben entgegen zu nehmen. Diese „Wir sind dann jetzt mal hier“-Aufmachung bringt ein Hauch von Ironie mit sich. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die redebereiten und motivierten Menschen rund um Herr Schenk den eher passiv wirkenden Fremden gegenüberstehen. Umringt von zwielichtigen Kneipen.

„Die Straße hier erregt Aufsehen. Angefangen bei steigenden Mahnungen bezüglich der Ruhestörung bis hin zur ewigen Müllproblematik.“, erzählt der Leiter des Stadtviertelbüros, welches am Mathildenplatz zu finden ist. Dass die üblichen Stammgäste von Joker und Co. auf dem gegenüberliegenden Parkplatz in ihren Autos nächtigen, um den für sie nicht bezahlbaren Zimmermieten zu entgehen oder zumindest ein klein wenig Privatsphäre zu haben (in Anbetracht der drei-oder vierfachen Belegung gerade noch erschwinglicher Zimmer), scheint das als geringstes Problem. „Konflikte entstehen hier durch die unterschiedlichen Lebensweisen der aufeinandertreffenden Kulturen. In südlichen Ländern spielt sich das Leben nun mal auf der Straße ab.“ Da würde einfach anders gelebt werden und das müsse bis zu einem gewissen Punkt akzeptiert werden meint Schenk. Trotzdem gehe die „Sozialromantik“ nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn die Klagen der Offenbacher häufen sich (obwohl man dabei das „breite Spektrum an Empfindlichkeiten“ auf Seiten der Anwohner mit einberechnen müsse). Weitere Maßnahmen werden also forciert. „Mehr Kontrollen, die Betreiber der Bars ins Boot holen und Migrationsberatung.“ Das zählt der Chef des Quartiers als Beispiele für ebendiese auf (Er unterbricht übrigens immer wieder die Unterhaltung, um vorübergehenden Passanten Kuchen anzubieten). Die Bar- und Ladenbesitzer würden häufig als Vermittler fungieren, denn viele der Einwanderer können kaum oder gar kein Deutsch. Mit allen habe man sich sogar an diesem Mittwoch – mit Unterstützung der Dolmetscher – unterhalten können, ein weiteres Treffen am Mathildenplatzbüro sei bereits angesetzt. Die Stimme von Schenk ist zuversichtlich, sein Blick trotz gelbgetönter Ray Ban Sonnenbrille hoffnungsvoll.

Überblickt man die zwei Lager in der Bieberer Straße, scheint die Vorstellung einer Annäherung irgendwie fern. Zumindest lässt der herannahende Herbst vermuten, dass sich das Leben der mediterran geprägten Ausländer zeitweise nach drinnen verlagern wird und so gegebenenfalls für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgt.