Im Wohnheim

Bei onoff ist heute WG-Besichtigung angesagt. Die Formalitäten: Termin finden – Check. Anfahrt klären – check. Nette, aber nicht übertriebene Kleinigkeit für die Gastgeber im Gepäck – check. Und sonst? Sonst ist da noch die Aufgeregtheit in der Magengegend und das Bangen vor der peinlichen Stille, wenn einem kein gutes Gesprächsthema einfällt. Und da ist auch die Befürchtung, sich fremd zu fühlen in einer eingeschworenen Gemeinschaft. Oder die Vermutung, dass man unbeholfen an der Küchenzeile lehnen wird, während die anderen ganz sie selbst sind. Aber hauptsächlich besteht doch Neugier, die bereits vage Bilder der Bewohner in unseren Köpfen zeichnet, der Stimmung, der einzelnen Zimmer und die es kaum erwarten kann, mit dem ausmalen zu beginnen.

So gedankenvoll machen wir uns mit dem 105er auf Richtung Stadtrand, stapfen durch den Schnee zwischen Anne-Frank- und Edith-Stein-Schule, bis wir schließlich in eine Einfahrt einbiegen und vor einem roten Backsteinbau stehen.

Manchmal trifft man Peter mit einigen aus seiner rund 14-köpfigen Wohngruppe im Hafen bei Kaffee und Kuchen an. Er ist ein guter Freund von uns und betreut als Sozialpädagoge Erwachsene mit geistiger und körperlicher Behinderung. Bei den Zusammentreffen sind sie meist wortkarg, so wie wir auch, und es bleibt bei einem kurzen Gruß an Peter und interessierten aber verhaltenen Blicken auf beiden Seiten. Dabei gibt es soviel was er von seiner Arbeit in der Behindertenwohnanlage erzählen kann. Oft sind wir mit ihm darüber ins Gespräch gekommen, über die Bewohner, seine Tätigkeiten, das tägliche Leben. Und so kam es auch zur Idee, ihm während einer Schicht einen Besuch abzustatten. „Dürfen wir mal vorbeikommen und über das Wohnheim berichten?“ – „Klar. Ich frag mal in die Runde, was die Anderen davon halten“, meinte Peter und nachdem alle Formalitäten geklärt wurden, stehen wir jetzt vor dem Haus in der Senefelderstraße zur WG-Besichtigung.

Im Treppenhaus begegnen wir als erstes Frank. Der Guns´n Roses Fan ist sehr gesprächig und begleitet uns nach oben, wo Peter uns bereits erwartet. Zusammen mit Eike, dem FSJler, begeben wir uns zu den Bewohnern in den Gemeinschaftsraum von Peters Stock. Sie wirken im Gegensatz zu uns recht entspannt und scheinen an unserem Besuch nichts Besonderes zu sehen. Wir setzen uns also alle an den großen Tisch der bereits mit reichlich Plätzchen und Tee gedeckt ist. Naja nicht ganz alle; Ralf, ein älterer Herr, zieht es vor, seine Tea-Time alleine an einem gesonderten Platz abzuhalten. Später wird er sich vor den Fernseher setzen und kaum Notiz von uns nehmen.

Derweil versuchen wir mit den restlichen Bewohnern ins Gespräch zu kommen, wissen aber nicht so recht, wie wir das anstellen sollen. Scheinbar haben Michaela, Holger, Erika und die anderen einiges untereinander zu besprechen, ein paar sind aber auch stumm und essen in sich gekehrt den Streuselkuchen.

Peter versucht mehrfach eine Unterhaltung anzuregen und uns dabei zu integrieren, wobei wir ihm seine Erfahrung im Umgang mit den Bewohnern anmerken. Im Dezember letzten Jahres sind es nun schon fünf Jahre, die er im Wohnheim tätig ist und bei allem Drunter und Drüber bleibt er gelassen, bringt sogar ein wenig Ordnung in das kleine Chaos. Er erzählt uns dann vom Alltag im Wohnheim, die meisten der 42 Bewohner arbeiten tagsüber in Werkstätten, im Hainbachtal oder sind anderweitig beschäftigt. Peter muss für sie, zusammen mit seinen Kollegen, den Tag planen, wobei sie meist einzeln oder in Gruppen verschiedene Alltagsaktivitäten unternehmen oder Ausflüge machen. Sie gehen gerne Kuchen essen, in den Hafen oder ins Café Creme in Bieber, manchmal steht aber auch Größeres an: das Helene Fischer Konzert oder ein Trip zum Europa Park. Von diesem findet man viele Fotos an den den Glaswänden zur Küche, Holger zeigt sie uns stolz. Grundsätzlich ist die Wohnung sehr warm gestaltet, viele Bilder der Bewohner, selbstgemacht oder aufgenommen, kleinere Skulpturen oder Merkblätter, zu bestimmten Tagespunkten. Da steht zum Beispiel was vom Kochen am Donnerstag – in Kleingruppen wird groß eingekauft und abends dann für alle gekocht.

Die Behindertenwohnanlage Offenbach gibt es schon seit 1984. Ralf, war der Erste, der damals eingezogen ist und hat zu diesem Anlass sogar eine kleine Rede gehalten. Auch der Heimleiter ist nach fast 30 Jahren derselbe: Herr Wellhöfer hat die Behindertenhilfe  in Stadt und Kreis Offenbach e.V. wesentlich mitgeprägt und auch das Motto „Wir begleiten Lebenswege“ geschaffen.

Schließlich machen wir gemeinsam mit Michaela, Holger und Peter einen kleinen Rundgang durch das Gebäude. Nachdem wir die Großküche im Erdgeschoss gesehen haben, gelangen wir in einen größeren Gemeinschaftsraum. Die Stühle ruhen auf den Tischen, in  der Ecke stehen einige Instrumente und Boxen. Es ist der Speisesaal, der auch für größere Veranstaltungen und Feierlichkeiten genutzt wird oder in dem man auch einfach nur tanzen kann. Wohnheim (1)Durch die großen, runden Fenster schimmert der Schnee in tiefem blau. Es ist fast dunkel und Michaela gruselt sich etwas vor der ungewohnt Szenerie da draußen.

Vorbei an einer großen Tafel mit den Fotos der Angestellten darauf, gehen wir weiter in den Tagesstrukturraum. Neben der Einbauküche befindet sich hier ein Regal gefüllt mit allerlei Spielen, Bastelutensilien und Büchern, außerdem noch eine gemütliche Sitzecke, sowie ein großer Fernseher. Hier verbringen die Seniorinnen und Senioren ihren Alltag. Der Flur ist geschmückt mit Selbstgemachtem.

Wir gehen wieder zurück in den Gemeinschaftsraum und unterhalten uns noch eine Weile. Mittlerweile sind auch wir endlich angekommen und können lockerer auf die Bewohner zugehen. Holger und Michaela schlagen vor, uns ihre Zimmer zu zeigen und während wir uns auf eine weitere Erkundungstour machen, ruft Peter belustigt hinterher, wir sollen vorsichtig sein und uns ja nicht erschrecken. Was er damit meint wird uns klar, als Michaela das Licht in ihrem Zimmer anmacht. Das rund 15m² große Zimmer wird von einer wahren Kuscheltier-Population bevölkert. Nicht ohne Stolz zeigt sie uns ihre einzigartige Sammlung an bunten Plüschtieren und erklärt, ohne ihre Sorgenfresserchen habe sie nachts alleine Angst in ihrem Zimmer. Wir fragen Michaela, ob sie uns die ungefähre Anzahl nennen kann, aber darauf weiß sie keine Antwort. Dafür posiert sie umso strahlender mit ihrem neuesten Zugang namens Vrula.

Anschließend dürfen wir auch Holger in seinem ganz eigenen Reich besuchen. Sein Zimmer ist etwas kleiner. Uns fällt zunächst die Eintracht Frankfurt Bettwäsche des Fußballfans auf. Außerdem stapeln sich bei Holger die Benjaminblümchen Hörspielkasseten, worauf er auch ein wenig stolz ist. Erheitert fragt er uns schließlich, ob wir auch schon seine „gefährlichen Weiber“ entdeckt hätten. Verdutzt müssen wir diese Frage verneinen, woraufhin er uns ein paar DVDs mit halbnackten Frauen darauf zeigt. Wir können uns ein Schmunzeln nun auch nicht mehr verkneifen. Damit hatten wir nicht unbedingt gerechnet. Aber klar: Das gehört nun mal auch dazu. Und vielleicht ist es gerade dieser Kontrast zwischen dem Kindlichen auf der einen und dem reifen Erwachsenen auf der anderen Seite, der Holger und seine Mitbewohner so menschlich und letztendlich auch unheimlich sympathisch macht.

Schließlich ist die Führung beendet und wir setzen uns nocheinmal kurz in den Gemeinschaftsraum zu Peter und Eike, der gerade damit beschäftigt ist, für Michaela ein Porträt von Vrula anzufertigen. Peter fragt uns, ob wir denn zufrieden seien mit unserem Besuch und erklärt, dass es auch ein eher ruhiger Nachmittag heute war. Samstags, wenn es keine Alltagspflichten zu erledigen gibt, ist es immer etwas entspannter, außerdem sind einige Bewohner ja auch über die Feiertage bei ihren Familien. Es gibt aber auch deutlich stressigere Tage unter der Woche, wenn vieles organisiert und koordiniert werden muss. Das können wir uns schon auch gut vorstellen.

Unser Credo: Aufgeregtheit – check. Ein bisschen unbeholfen – check. Viel wichtiger aber: Wir wurden sehr herzlich von der Gemeinschaft aufgenommen, haben unterschiedliche Charaktere kennengelernt und Lebenswege erkundet. Bei unserem nächsten Besuch, das haben wir ausgemacht, bringen wir Fotos mit vom heutigen Nachmittag, für die Fotowand. Und ganz schnell wird man Teil der WG.

Werbeanzeigen