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Die Kommune

Es war richtig kalt letzten Sonntag, als Paul und ich mit dem Fahrrad die Sprendlinger Straße hochfuhren. Das Ziel lag am Rande der Offenbacher Südstadt, ein Gebiet durchzogen von vierspurigen Hauptstraßen und daher fast ein bisschen menschenleer. Das Fredenhagen Gelände, genauer gesagt die Kommune 2010.

IMG_1076Bekannt geworden war uns das Fabrikareal durch ein paar Events – noch zu Schulzeiten wurde hier mal eine Abiparty organisiert, später war es dann der Besuch auf einem Elektro Festival im Sommer, das uns in lauwarmen Kontakt mit der Offenbacher Institution brachte. Aber was hier außerdem stattfindet, das machte uns neugierig. Schließlich ranken sich allein um die pleitegegange Firma einige Geschichten, wie mir Oma Anneliese als Vorbereitung auf meinen Ausflug dorthin erzählte. In einem alten Offenbach Buch hatte sie mir eine Schwarz-Weiß-Fotografie des Industrieunternehmens gezeigt, das bereits im 19. Jahrhundert gegründet und seit 1904 dann auch in Lauterborn residierte. „Die haben Aufzüge und Fließbänder hergestellt“, erzählte sie mir und las von Opel als Hauptkunde im Rhein-Main-Gebiet. „Dann haben sie angefangen, ihre Patente zu verkloppen und sind bankrott gegangen.“ Fest steht, dass das Unternehmen 2008 von einem Berliner Investor aufgekauft wurde und bereits 2 Jahre später die Insolvenz angemeldet hat.
Diese düstere Geschichte passt gut zu unserem Gefühl, als wir dem verlassenen Gelände entgegenradeln und vor den Toren, die mittlerweile bewachsen und besprayed sind, zum Halten kommen. Abgeschlossen. Neben uns rastet nur der halb auseinandergebaute Jeep mit kaputten Scheiben.

DSC_1334Aber dann steht Jörn plötzlich hinter uns und noch bevor wir das Wort „Hallo“ ausgesprochen haben, fragt er bereits freundlich nach, ob wir auch rein wollen und merkt an, dass wir die Fahrräder am besten drinnen abstellen. Glück gehabt. Wir erfahren von dem jungen Mann Anfang 20, dass er auf dem Weg zur Bandprobe ist – es gäbe einige Musiker, die Räumlichkeiten für solcherlei Zwecke nutzen würden aber es gäbe auch viele Ateliers und Veranstaltungsräume. Jörn begleitet uns über den großen Platz, auf dem alles etwas leer und veraltet wirkt. So entdeckt man zum Beispiel weitere, anscheinend unbrauchbar gewordene Utensilien, Vehikel und anderes. Eine weitläufige Wiese, die am anderen Ende des Geländes durch eine bunt bemalte Mauer begrenzt ist, wirkt fast wie ein Gegenpol zur Grau-in-Grau Tristess des Umfeldes. Und mit den Außergewöhnlichkeiten geht es weiter, als wir zusammen mit Jörn den Proberaum seiner Band „The Iascope“ betreten. Mit hohen Wänden, braunen Couches und Orientteppichen, einem alten Fernseher und nicht umso weniger durch die durchweg langhaarigen Bandmitglieder hat der Saal wahrlich 70er Jahre Charme, auf angenehme, echte Weise. Es scheint gewachsen zu sein hier drinnen. Obwohl die Kommune als Musikergemeinschaft ja noch nicht wirklich alt ist – zusammen mit der langen Geschichte Fredenhagens hat sich eine besondere Atmosphäre in diesem ersten Proberaum entwickelt. Wir unterhalten uns mit den Jungs, tauschen Sticker aus und erzählen, wofür wir gekommen sind. „Da ruft ihr am besten den Joe an“, meint der Bandleader und gibt uns, ohne großes Zögern dessen Handynummer.

Wir flanieren weiter durch die Industrieszenerie. Alles wirkt älter als es wahrscheinlich ist. Die Leere setzt einen noch stärkeren Eindruck von Größe frei, wenn man durch die zersplitterten Fenster hindurch in die Lagerhallen blickt. Unter einem massiven Dach sieht man noch Lastenschienen und Aufzüge an hohen Stahlträgern, die ein „Betreten verboten“ glaubhaft machen.

Durch die Stille des Fabrikfriedhofs schallen immer wieder ferne Echos von Bands, die ihre Songs einstudieren. Und wir folgen ihnen und werden zum Südflügel des Gebäudes geführt. Gestank und Gekritzel an den Wänden erwartet uns, zwischendrin Aushänge, die worteringend einen neuen Drummer oder Statisten suchen. Wo es erst noch ein bisschen wie ein verkommenes Schulhaus wirkt, sind wir mit dem Öffnen der nächsten Tür praktisch in Narnia. Denn nun stehen wir mitten in einer riesigen Lagerhalle, Bauzäune trennen vereinzelte Bereiche ab, zum Teil hängen noch groteske Puppen an den Pfählen, Überbleibsel von Halloween (hoffentlich). Couches in verschiedenen Farben und Formen sind genauso abgestellt wie zwei alte Klaviere und ein großformatiges Gemälde, das einem ein merkwürdiges Gefühl beim Betrachten einjagt.

Aber wie setzten sich diese heterogenen Unikate an Eindrücken nun zu einer Kommune zusammen? Das erklärt uns schließlich Joe, der eigentlich Johannes Matthias heißt und den wir im Anschluss an unseren Besuch auf dem Fredenhagen Gelände interviewt haben.

Erstmal räumt er auf: „Es handelt sich um keinen Verein oder sowas, sondern ein eingetragenes Gewerbe. Ich vermiete sozusagen die Räumlichkeiten.“ Eineinhalb Jahre hat der gebürtige Dreieichenhainer nach einer geeigneten Location gesucht, um die Künstlergemeinschaft, die es in seinem Heimatort zu Jugendzeiten gegeben hatte, wieder aufleben zu lassen. In Offenbach ist er dann fündig geworden und so wurde die Kommune 2010 gegründet und bietet seither Bands, Künstlern und Tontechnikern einen Freiraum für
kreative Arbeit.

DSC_1367Mit mehr als 500 Schaffenden beheimatet die Kommune Deutschlands größte Musiker-gemeinschaft. „Wir haben insgesamt 60 Räume, da sind viele sehr große dabei und auch Studios. Das Gute ist, dass sich die Leute hier richtig austoben können, so abgelegen am Stadtrand wie wir sind, dass es niemanden stört“, erzählt der aufgeschlossene 32jährige. Das Zusammenführen der Gewerbe mache Spaß. Techno und Electro Open Airs finden genauso statt wie HFGs „Irgendwas mit Medien“ und Hochzeiten junger Ffm Banker, die auf die Industrieromantik stehen und sich mitsamt Pfarrer und Hochzeitsgesellschaft das Ja-Wort geben.

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Aber bis es soweit kommen konnte, dauerte es eine ganze Weile. „Zwei Jahre lang mussten wir sozusagen erstmal ausziehen und den ganzen Kram aus 140 Jahren Fabrikgeschichte loswerden“, meint Joe. Stück für Stück, Raum für Raum und das Hand in Hand, denn bei der Kommune ist der Name Programm. Die Menschen fühlen sich wohl und engagieren sich daher auch ausserhalb der eigenen Musikproben. „Es gibt soviele hier bei uns, die mit anpacken und Ideen haben. Leute suchen eben etwas für das es sich lohnt einzustehen.“ Und dabei ginge es nicht, entgegen mancher Mutmaßungen um „freie Liebe und nackt ausziehen“. Auch sei mit „musikalischem Wohnzimmer“ nicht etwa gemeint, dass Johannes Massenunterbringung betreibe, selbst wenn das manchmal von den Leuten gemutmaßt wird, die nicht genau wissen, was sich hinter dem Begriff Kommune verbirgt.

Wir haben nun eine bessere Vorstellung von dieser Gemeinschaft und Bilder im Kopf zur Freundlichkeit, Kreation, Leidenschaft und zum Tun in der Offenbacher Südstadt. Wie warme Farben, die der Industrie ihre Kälte stehlen.