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Boxen im Nordend

Die Stoppuhr steht auf zwei Minuten, gerade hat die Gruppe angefangen mit dem Seilspringen. Es ist der dritte Durchgang im Wechsel mit Luftboxen. Der junge Trainer ruft immer mal etwas rein, schneller, stärker, wendiger.

Paul und ich sind nicht etwa zu Besuch in einem Bootcamp, sondern sind Gäste beim Jugendtraining des Offenbacher Box Club. Der strenge Umgangston, den wir gerade beim Training zu hören bekommen, steht ganz im Gegensatz zur freundlichen Art mit der wir empfangen wurden. Muammer, 20 Jahre und Azubi des Box Clubs hatte mich und Paul mit einem offenen Lächeln in die Halle gelassen. Der gemütliche Würfelbau hat in der Mitte einen Ring, neben den großen Feuerwehrtoren links stehen Fitnessgeräte. Muammer boxt seit viereinhalb Jahren und ist glücklich mit seiner Ausbildungsstelle. Morgens arbeitet er im Büro des Sanaklinikums, nachmittags kommt er dann in den Hafen 19 und unterstützt Bernd Hackfort und Peter Firner bei der Orga des Box Clubs. Heute findet das Anfängertraining für Jugendliche statt.

„Wer hier boxt, zahlt keine Monatsgebühr muss aber auf einer anderen Ebene einen Beitrag leisten“, erklärt uns Cheftrainer Peter während der Aufwärmphase. Die Trainingsteilnehmer werden hier nämlich gleichzeitig zu Nachhilfeschülern, sofern ihre Noten schlechter als 3 sind. Die Hausaufgabenhilfe ist kostenlos und findet gleich gegenüber statt, direkt vor der Übungsstunde. Das Programm zur Gewaltprävention soll Jugendliche von der Straße holen, Werte wie Disziplin und Engagement vermitteln. „Mit dem Boxsport werfen wir einen Anker für junge Leute in Offenbach und Umgebung aus. Das ganze beruht auf einem Belohnungssystem – man muss sich jedes Training verdienen, durch Leistung außerhalb des Sports und respektvolles Verhalten“, meint Peter noch, bevor er sich wieder seinen Boxsprösslingen zuwendet, mit der Stoppuhr und neue Übungsanweisungen für Schlagkombinationen gibt.

DSC_0650Respekt ist sofort spürbar, denn alle begrüßen sich mit einem Händeschütteln, das Training wirkt familiär und persönlich im Umgang. Die Teilnahme an der Nachhilfe gehört zum Trainingsalltag, so wird noch bevor es ans Aufwärmen geht, neben der Anwesenheit im Boxtraining auch die an der Hausaufgabenbetreuung gecheckt. „Wenn ich nicht mitmache bei der Lerngruppe, dann darf ich auch hier nicht kommen“, meint Dennis. Er ist schon vier Jahre dabei und muss dieses Schuljahr mal wieder zur Nachhilfe, weil die Noten nicht stimmen. Der 16-jährige ist froh, dass er den Box Club hat. „Es bringt mich weiter“, sagt er, denn im Leben will er erfolgreich sein. Motivation, mitzumachen, weiterzukommen.

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Das Projekt ist preisgekrönt, wird von der Stadt und anderen Sponsoren wie der EVO unterstützt. Die Idee dazu kam Bernd Hackfort, Geschäftsführer des Boxclubs und Boxtrainer, zusammen mit Wolfgang Malik vor gut zehn Jahren. Die beiden wollten Jugendlichen ein Ventil geben und boten Boxstunden im Jugendzentrum Nordend an. „Das Ganze hat ziemlich rudimentär gestartet“, meint Firner, “mit Übungssessions in einem JUZ Raum.“ Mit der Zeit hätten die Initiatoren ihre Schützlinge immer besser kennen gelernt, Einblicke in den Alltag der jungen Menschen bekommen und in ihre Schwierigkeiten im sozialen Umfeld, Schule und Beruf. Motivation spenden ist das Stichwort, durch Sport, Gruppengefühl und Trainern, die als Vorbilder auftreten können.

Mittlerweile hat sich eine ganze Reihe an Programmen entwickelt, hören wir von Herrn Firner, während sich die Jugendlichen den letzten Schlagabtausch vor der Pause liefern – Hilfe bei der Suche nach Arbeitsplätzen, Ernährungsberatung, interkulturelle Zusammenarbeit. „Aber Bemühungen helfen nicht immer“, sagt er ganz nüchtern. „Man macht manchmal drei Schritte vor und zwei wieder zurück. Erfolge sind meistens nur auf lange Sicht zu sehen, selten kurzfristig.“ Manchmal führen die Wege allerdings auch gänzlich zurück – für Boxschüler, die nicht nach den Regeln spielen, bleiben die Türen zur Boxhalle auch mal ganz geschlossen. „Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen. Wenn jemand draußen wiederholt Scheiße baut, fliegt er auch hier nach Ermahnung raus.“

Aber was wir heute sehen sind alles andere als Jugendliche, die das Boxen auf die leichte Schulter nehmen. Alle sind fokussiert und geben Power, nehmen die Kritik des Trainers auf und setzen sie um. Die Stoppuhr piept. 30 Sekunden Pause bevor es weitergeht.