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Der Camper

Schon häufiger war es mir aufgefallen, denn das kleine grüne Zelt zwischen Leuchtturm-Kiosk und dem ehemaligen Hafen 2 thront förmlich auf der Wiese, bestückt mit Deutschland-Stühlchen und Bastmatten, umgeben von Bauzäunen.

Wer fröhnt hier dem Lagerleben?, fragte ich mich nicht nur selbst sondern auch Freunde und Bekannte. „Na da wohnt doch der Hausmeister der Ölhalle“, erklärte mir einer. Irritiert aber neugierig ging ich der Sache nach und legte mich auf die Lauer. Aber ich bekam immer nur einen menschenleeren Zeltplatz zu sehen. „Vielleicht ist er ja längst weitergezogen“, kam mir in den Sinn…„oder er schläft doch nur seinen Rausch aus“, meint dazu die neckische Stimme in meinem Unterbewusstsein, habe ich doch von vielen gehört, dass der Camper als Trunkenbold gelte.

Heute bin ich wieder hin – an einem besonders schwülen Dienstag mit der Aussicht auf Regen – und ziehe mich, wie fast schon gewohnt, für eine Zigarette auf einen großen Stein zurück, auf dem Kies vorm Lokschuppen, von dem aus ich gute Sicht über die gesamte Wiese hab. Ein kleinerer Herr fällt mir auf. Er steht auf der anderen Seite der Straße, direkt am Gebüsch und scheint etwas zu pflücken. Der braungebrannte Mann in gemusterten Shorts und dazu passendem Hemd kommt offenherzig auf mich zu und fragt, ob ich denn auf der Suche nach einem Musiker sei, da wäre gerade einer vorbei gekommen. In der leeren Haribo Box, die er in den Händen hält, erkenne ich nun Brombeeren. „Nein, den such´ ich nicht. Aber dafür den, der hier zeltet“, entgegnete ich. Leicht verwundert bekomme ich die Antwort: „Der steht vor Ihnen“ und Erleichterung über meinen Erfolg auf der langen Jagd nach dem Camper macht sich breit.

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Die bedrohlich-grauen Wolken kommen näher, die Unterhaltung sofort ins Rollen und Wolfgang, wie er sich vorstellt, berichtet mir von seiner Entscheidung, auf der Wiese im Offenbacher Hafengebiet seine Zelte aufzuschlagen. Die Behausung hat er von einem Freund, den Stuhl von einer WM-Party, die vor ein paar Wochen im Lokschuppen geschmissen wurde, Besen und Werkzeuge sind Überbleibsel von seinen letzten Wohnorten oder Sammelstücke von Streifzügen durch das Baugelände. „Strom hab ich auch, damit ich mich rasieren kann – was ich auch mal wieder machen könnte.“ Er streicht sich über das Kinn, als er das sagt. „Aber ich will ja auch keine Frauen beeindrucken.“ Das Einzige, was jetzt fehlen würde, sei nur noch eine Dusche und ein Dixie. „Aber da bin ich noch dran, dass die mir das noch stellen“, meint Wolfgang. „Die“, das sind die Damen und Herren der Stadtverwaltung, die kurze Zeit nach seinem Belegungsbeginn auf Wolfgang zugekommen seien. Was er hier treibe wollten sie wissen. „Da hab ich gesagt, dass ich hier nach dem Rechten gucke, mit den Studis rumfuschele und dafür die Wiese als Rastplatz nutze. Und Herr Lambert hat dann das ok gegeben.“

Mit „Rumfuscheln“ meint Wolfgang „Abhängen“ und das könne man besonders gut mit den HfGlern, die sich hier regelmäßig für Projekte oder Parties zusammenfinden. Bei Grillfesten bekommt er dann immer was ab und mischt sich unter die Leute. „Neulich hat mir der Jo sogar 20 Euro geschenkt. Der ist schwer in Ordnung.“ Da sieht es der 46-jährige auch nach, dass das ein oder andere Holzhausenevent auch mal etwas länger geht – manchmal stoße er auch dazu wenn DJs auflegen, sofern die Türsteher ihn rein lassen. „So nen alten Knacker wie mich wollen die da nicht haben.“ Einzig nervig wäre, wenn die Klimaanlage bei Ölhallen-Parties laufe, das würde das gesamte Zelt unter Wasser setzen, klagt der Mann mit den groben Gesichtszügen dann doch noch. Auch die Regenfälle der letzten Zeit würden ihm Probleme bereiten, daher plane er schon Umbauten, um sein Nachtlager ein wenig wetterfester zu gestalten. Bis es soweit ist, würde er unterm Dach der Ölhalle schlafen, da sei es in jedem Fall trockener.

 

Er führt mich rum, zeigt mir das Fahrradgestell, das er dringend reparieren muss, seine Werkzeuge und Klamotten. „Die kann ich da hinten gut waschen, da ist fließend Wasser“, meint Wolfgang, als er ein paar Oberteile auf einen Stapel packt und nach oben sieht. „Aber bevor´s regnet will ich nochmal rüber in den Garten und Alexandras Pflanzen checken.“ Für Hegen und Gießen darf sich Wolfgang bei ein paar Hafengärtnern immer mal ein bisschen Obst und Gemüse mitnehmen. Und so laufen wir gemeinsam rüber, halten immer wieder an, sodass Wolfgang sein beachtliches Wissen über Pflanzen mitteilen kann. „Die Natur ist mein Gott.“, meint er und lächelt ein bisschen über seine Anmerkung.

Im Hafengarten angekommen, kontrolliert der Aussteiger erstmal die Erde und zupft gelbe Blätter vom Paprikagewächs. Er habe schon immer viel im Grünen zu tun gehabt. Ganz früher, noch in seiner Geburtsstadt Halle, habe er bei einem Viehbauer gearbeitet, Kühe gemolken und Mist weggemacht. Später dann auf einem Reiterhof. Sein Sohn habe ihn nach Offenbach gebracht. „Eigentlich wollte ich nur zwei Wochen hier Urlaub machen, aber daraus sind jetzt Jahre geworden!“, lächelte er.

Wir müssen schnell den Ort wechseln, denn die Gewitterwolke hat schließlich zur Entladung gefunden. Also verziehen ich und Wolfgang uns zurück zum überdachten Schlafplatz und reden weiter.

Mich interessiert wie Wolfgang auf die Straße gekommen ist. Aber eine klare Antwort bekomme ich – erstmals an diesem Nachmittag – nicht von ihm. Er berichtet Bruchstücke der letzten Monate, Wochen, Jahre (?). Eine Wohnung in der Nähe vom Ledermuseum, wo er auch in der Weiss Bar hier und da ausgeholfen habe, eine neue Frau und neue Probleme, Tätigkeiten als Bauarbeiter, bei denen er sich den Fuß mit einem Stahlträger zertrümmerte (Eine große Narbe auf dem rechten Fußrücken zeugt davon). Das Angebot eines Freundes auf dessen Hausboot im Hafenbecken zu wohnen, kam Wolfgang dann wie gerufen. Dies sei allerdings mittlerweile abgebrannt, warum, das erzählt er mir auch auf nochmaliger Rückfrage nicht. Er wechselt das Thema und erzählt wieder von seinem Job damals beim Reiten, geht wieder auf die Hasen ein, die sich zu tausenden auf der Wiese tummeln und denen er immer die grünen Restbestände hinlegt, die er beim  Nettosupermarkt abstaubt. „Die Passanten freuen sich über die vielen Karnickel, die bleiben oft für ein Schwätzchen am Zaun stehen“, meint Wolfgang mit einem Blick zur Häuserfront am Nordring. Er lebe gern in Offenbach. Nette Leute hier. Hilfsbereit. Dabei nennen ihn viele Hafenratte, Indianer oder sonst irgendwas. Wolfgang macht das nichts, im Gegenteil, es scheint ihn zu amüsieren. Schließlich ist er generell Menschenfreund.

Er greift spontan nach seinem magentafarbenen Regenschirm, der hinten bei seiner Schlafmatte liegt. „Ich geh´ jetzt mal rüber“, sagt er beim Aufspannen, fast ein wenig gedankenverloren. Wir verabschieden uns und Wolfgang bricht auf zum Kiosk in der Bettinastraße, durch den starken Regen, die Tupperbox noch unterm´ Arm.