Neuland

Offenbach am Meer. Der Spruch ist den meisten hier bekannt und das nicht nur, weil er Jutebeutel und Wintermützen ziert oder Sticker, die einen Freifahrtschein zum Tapezieren der Stadt geben. Er ist auch so populär, weil er ein Stück Selbstbewusstsein vermittelt.

Ein Stück Meer, das ist Offenbach der Hafen. Er wird vom Geist einer längst untergangenen Lederwarenhochburg geprägt genauso wie vom künstlerischen Auftrumpfen zahlreicher HfG Studenten. Eine Liebelei, die zwischen türkisfarbenen Kränen und Schutthaufen lumineszierende Installationen hervorbrachte. Ein ganzes Universum ist hier entstanden. Trotzdem: Das Bauprojekt HO* verfolgt schon seit mehreren Jahren die vordringliche Aufgabe, den Meerblick aufzumotzen – was erst einmal dazu geführt hat, dass er hinter Gittern und Hochfassaden verschwindet. Und auch das Kulturcafé am Main ist der Umstrukturierung ins Netz gegangen, schlägt die Zelte nun ein wenig weiter flussabwärts auf. Und macht Platz für Neues.

Da, wo früher alte Hafenbecken den Weg in den Kingkamehameha Beach Club leiteten, ist nun ein neuer Park am Wasser zu finden, organische Wellen aus Kies. Langgezogene Sitzreihen, von denen man die Skyline in Ruhe bestaunen kann, neue Zöglinge, noch von Gittern geschützt, stehen Millimeter für Millimeter in den Startlöchern. Eingefasst ist das neue Ufer von rostig-klaren Stahlplatten, sodass die Atmosphäre des Offenbacher Hafens, Eckpfeiler damaliger Industrie, nicht an Charakter verliere. Hier und da liegen noch Steine im Weg, aber zur Sicherheit ist eine Folie auf den Bänken belassen, so, wie man es bei einem neuen Handy macht, das man vor Kratzern schützen möchte (die sowieso unausweichlich sind).

Obwohl das Neuland noch nicht zur Entdeckung geöffnet ist, wagen sich viele Mitbürger hinter die Bauzäune. Manche scheinen etwas misstrauisch, betasten das frische Fleckchen. Andere sind mutiger, genießen auf der Maintour mit Inlinenern eine Pause. „Es hat was von Hamburg“, meint ein junger Mann mit Skateboard neben sich, „Ganz so wie bei den Marco Polo Terrassen an der Elbe.“ Die Gegensätze zwischen rostig und rausgeputzt gefallen ihm, die Widersprüche seien „interessant“, passen zu Offenbach. Nur der klobige Hochhausneuling, der bald Bürotische und 3-Zimmer-Wohnungen beherbergen wird, störe. „Ich bin gespannt, was Offenbach hierdraus macht. Und wie lange es hier in Ordnung bleibt.“, sagt der Mann mit dem Tastsinn. Je nachdem, wie man´s nimmt, aber die ersten Papierchen sind bereits angeflattert, den unnatürlichen „Clean Look“ hat Offenbach noch vor der offiziellen Eröffnung abgestreift. Müll hindert eine Gruppe von Mädchen nicht daran, sich dem neuen Ufer spielerisch zu nähern. Eine von ihnen streckt auch die Füße ins Wasser, erntet dafür allerdings sofort ein harsches Wort von den Freundinnen. („Das ist kein Schwimmbad, das ist der Main du Schlaukopf!“). Die Einstellung der Mädchen zur neuen Hafen-Ära: „Wir waren schon früher hier. Und werden auch in Zukunft kommen.“

Es ist schön zu sehen, dass die Stadt in Bewegung ist, etwas aus dem Gegebenen machen möchte und die Lebensqualität durch dynamische Formen und Ausblicke pushen möchte. Dennoch sollten wir uns bewusst darüber sein: Offenbach lag schon immer am Meer.

10 Gedanken zu „Neuland

  1. och bitte lasst das schönreden der gentrification !!!
    echt hässlich sind die häuserblöcke, und noch hässlicher werden die bewohner dann !!!
    da kann auch das schönreden nicht helfen im schmierigen marketinggeblubber !!
    tschüssdanketschüss

    • Es ist schön zu sehen, dass dich die Entwicklungen der Stadt nicht kalt lassen, du eine eigene Meinung dazu hast und on off als Plattform nutzt, diese anderen mitzuteilen – gut so! Wir freuen uns immer über Dialog. Deine Meinung, dass die Häuserblöcke hässlich sind, du vieles nicht okay findest, kannst du gerne äußern. Am Offenbacher Hafen findet zurzeit eine Veränderung statt. on off hat sich diesem Umbau im Artikel gewidmet, beide Seiten beleuchtet. „Schönreden“ wie du es in deinem Kommentar beschreibst, lässt auf das Ergreifen einer bestimmten Partei schließen, was unserer Meinung nach am vorliegenden Text nicht zu erkennen ist. Wir versuchen beim Beschreiben in unseren Artikeln, die Verhältnisse der Stadt immer von einem neutralen Standpunkt aus zu betrachten. Als „Marketinggeblubber“ würden wir es also nicht beschreiben.

      • …naja „onoff“, semantisch seid ihr schon pro Einheitsbau, wenn auch nicht durchweg, wie es „Hafen lebend“ behauptet. Möglicherweise liegt das aber eher am bestreben, sich möglichst gewählt auszudrücken…Dennoch schöner optimistischer Artikel, der Lust aufs Erkunden macht. Die kleine Eingeschnapptheit wegen des Kommentars kann ich verstehen, da er doch sehr destruktiv ist (mit kleinen Lichtblicken). Beste Grüße

  2. Erst werden die Überreste der alten Industrie in einem Hauruck-Verfahren abgerissen, um sie dann mit auf alt gemachten „rostigen Metallplatten“, „Steinmauern“ und „Flüssläufen“ künstlich wieder auflebenzulassen.
    Anstatt das sich dieses Viertel (plus Bewohner) in einem normalen Prozess entwickeln kann, wird hier eine Reisbrettutopie mit Ordenlich viel „Architektenpetersilie“ (siehe die einbetonierten Bäume) ausgelebt.
    Den Charme, den man hier aus anderen Städten (Hamburg, Bremen etc) durch Jahrzehnte entwickelt hat, erhofft hier zu sehen und wiederzuspiegeln zu versucht, geht doch GERADE DURCH den Abriss und Neukonstruktion komplett verloren.

  3. Danke für den Artikel!

    Die bisherigen Kommentare sind berechtigt! Die Gentrifizierung findet auch in Offenbach am Meer statt! Allerdings finde ich es im Vergleich zu Frankfurt ein Fortschritt, dass der Main für die Bürger zugänglicher bleibt! Was allerdings hinter dieser hässlichen Häuserwand entsteht (Zugang zum Haus- Wohnungseigenen Bootssteg?? so wie in FFM/Westhafen) ist mir nicht klar.

    Vielleicht geben die Offenbacher Bürger dem Hafenbecken noch den letzten Schliff, ich vermisse hier sowieso Graffiti ;), gibt es in OF leider nur vereinzelt. Urbanes Grundrauschen ist wichtig!
    Offenbach lebt durch seine Vielfalt (Menschen,Geschäfte), doch das hat sich über Jahrzehnte entwickelt.
    Wie wir ja wissen, kaufen sich Menschen, die eine gute finanzielle Grundlage haben, gerne diesen Flair teuer ein. So geschieht es z.B. in Hamburg/Schanze oder Berlin/Prenzelberg . Und das bedeutet das Ende!!

    Macht euch den Hafen zu eigen!!

    Ach ja, „schick“ und „Ordnung“ passt nicht zu Offenbach am Meer!

    Und wie es jemand auf der Pecha Kucha Night in OF rief: „Rettet Offenbach, Rettet Offenbach!“

    • Als ich hinter die chinesische Mauer geschaut habe, habe ich mich exakt das gleiche gefragt: Ist das Ufer bereits privatisiert worden?

  4. Hier wird wohl der Bock zum Gärtner gemacht. Was kann on/off dafür, was die Städteplaner so mit Offenbach vorhaben? Der Artikel spricht sich weder für die eine, noch für die andere Seite aus – hier wird lediglich ein Status Quo beleuchtet und für positiv erachtet, dass Offenbach „in Bewegung“ bleibt. Eine politisch motivierte Diskussion zu den Themen Gentrifizierung und Städteplanung hat meiner Ansicht nach nur wenig hier zu suchen, da gibt es deutlich geeignetere Plattformen.

    • Das Leben ist politisch, warum soll es hier enden?

      Und was die Blogbetreiber angeht, ich freue mich über jeden neuen Artikel von euch!

      • Wie gut, dass es jedem selbst überlassen ist, sein Leben so zu interpretieren wie er es für richtig hält. Ich sehe daher nicht, warum man in einem von Grund auf unpolitisch ausgelegtem Blog politisch werden muss – egal ob manch einer sein Leben für politisch hält oder nicht. Ich für meinen Teil verspüre eine gewisse Unwohlheit in mir aufsteigen wenn man demnächst anfängt politisch über Geschmack, Kultur oder Kunst zu diskutieren. Da waren wir schon mal.

  5. Die Blogbetreiber haben doch einen Dialog ausdrücklich begrüßt.
    Soll man sich denn nur über den „schönen“ Schreibstil äußern?
    Außerdem besteht kein Interesse die Blogbetreiber persönlich anzugreifen!
    Es ist nicht sehr weitsichtig, wenn man behauptet Kunst und Kultur haben nichts mit Politik zu tun.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.