Suburbane Romantik Ein Tagebucheintrag

„Wie ein Gemälde aus der Romantik.“ So beschreibt Philipp Bürgel nach unserem Spaziergang.

Malerisch ist tatsächlich die beste Beschreibung für diesen Sonntag. Strahlender Himmel, sodass der Main von vielen Menschen heimgesucht ist. Mädchen spielen am Ufer, nur zufällig aber irgendwie passend, tragen einige weisse Kleidchen und Blumen im Haar. Ist Kommunion? Einige Hausbesitzer, die direkt an der Uferstraße leben, haben sich gelassen dran gemacht, den Garten wieder auf Vordermann zu bringen, halten hier und da mal ein Schwätzchen, nicken uns freundlich zu, als wir vorbeigehen. Auf der großen Spielwiese auf Höhe der Kirche spielen sie Federball, Fußball, ein paar Jungs klettern auf dem Gerüst. So eins hatten wir auch auf dem Schulhof. „Es ist nicht so überfüllt hier.“ lobt ein junges Elternpaar die Maingegend um Bürgel. Sie kommen oft hier her zum Spazieren, sagen sie. „Um nicht über den Haufen gerannt zu werden mit dem Kleinen“ und deuten auf das Kleinkind, das gerade 2 Tauben hinterher jagt. „Es ist nicht die Stadt und es ist nicht das Land. Man lebt dazwischen, ist schnell beim Einkaufen und lebt ruhig“, meint ein älterer Herr, der in Tshirt auf einer Bank an der langen Allee sitzt. Er scheint tiefenentspannt, zufrieden. Als wir am Main entlang laufen, werden wir von zwei kleinen Mädchen auf Inlinern überholt. Sie halten Händchen.

Zurück auf dem Damm haben wir volle Sicht auf die zahlreichen Schrebergärten. Eine grüne Fläche eingezäunt neben der nächsten. Im ersten Moment sieht es recht quetschig aus, aber beim genauen Hinsehen erkennt man viele Familien, die an einem Grill sitzen, vor der Kaffeetafel. Andere befüllen Planschbecken. Eine Familie winkt uns zu, als wir Bilder machen.

Junge und Mädchen kommen uns entgegen. Keine Überraschung: auch sie lieben das Leben in Bürgel´: „Man kennt sich hier“ meint die junge Frau, „ist zusammen im Verein gewesen, war auf der Schule, geht feiern.“ Und das am liebsten zu Fasching, der in Bürgel hoch angesiedelt ist. „Klar, ich bin doch Berjeler Jung´ „, fügt der junge Mann hinzu.

Auf unserem Weg zurück in die Stadt kommen wir an Fachwerkhäusern vorbei, hier und da stehen Wäscheständer vor den Türen, Sonnenstrahlen fallen durch die offenen Winkel der Steinmauern. Da ist noch das gelben Schild der Fahrschule Stephan – die Bürgeler Instanz für Verkehrsschulung – und stehen dann direkt am Dalles. Von meiner Kindheit her weiss ich, dass die kleine Grünfläche Versammlungsort für Festivitäten ist, der überschaubare Weihnachtsmarkt findet hier z.B. statt. Sozusagen die „City“ mit Bäckereien, Kneipen und Friseuren. In einem Laden gibt´s neben Spielwaren auch Schreibwaren und Geschirr – Tante Emma eben. Der einzige Eissalon der Stadt wird belagert. Vielleicht ist es das Wetter, das Ausbleiben von viel Straßenverkehr oder die Gelassenheit an diesem Sonntag gewesen – egal was, es hat mir das Gefühl gegeben ziemlich weit weg zu sein von der Großstadt.
Bürgel ist malerisch, ein Stillleben. Und trotzdem: ganz am Ende unseres Ausflugs, als man schon die Alessa Werke am Ende der Straße sieht, stehen wir einem gang+ Aufkleber auf einem Stromkasten direkt gegenüber. Bürgel ist Vorstadt, ruhig, harmonisch. Aber spätestens nach der Entdeckung des Stickers kann es doch nicht mehr verleugnet werden: Bürgel gehört zu Offenbach.

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Neuland

Offenbach am Meer. Der Spruch ist den meisten hier bekannt und das nicht nur, weil er Jutebeutel und Wintermützen ziert oder Sticker, die einen Freifahrtschein zum Tapezieren der Stadt geben. Er ist auch so populär, weil er ein Stück Selbstbewusstsein vermittelt.

Ein Stück Meer, das ist Offenbach der Hafen. Er wird vom Geist einer längst untergangenen Lederwarenhochburg geprägt genauso wie vom künstlerischen Auftrumpfen zahlreicher HfG Studenten. Eine Liebelei, die zwischen türkisfarbenen Kränen und Schutthaufen lumineszierende Installationen hervorbrachte. Ein ganzes Universum ist hier entstanden. Trotzdem: Das Bauprojekt HO* verfolgt schon seit mehreren Jahren die vordringliche Aufgabe, den Meerblick aufzumotzen – was erst einmal dazu geführt hat, dass er hinter Gittern und Hochfassaden verschwindet. Und auch das Kulturcafé am Main ist der Umstrukturierung ins Netz gegangen, schlägt die Zelte nun ein wenig weiter flussabwärts auf. Und macht Platz für Neues.

Da, wo früher alte Hafenbecken den Weg in den Kingkamehameha Beach Club leiteten, ist nun ein neuer Park am Wasser zu finden, organische Wellen aus Kies. Langgezogene Sitzreihen, von denen man die Skyline in Ruhe bestaunen kann, neue Zöglinge, noch von Gittern geschützt, stehen Millimeter für Millimeter in den Startlöchern. Eingefasst ist das neue Ufer von rostig-klaren Stahlplatten, sodass die Atmosphäre des Offenbacher Hafens, Eckpfeiler damaliger Industrie, nicht an Charakter verliere. Hier und da liegen noch Steine im Weg, aber zur Sicherheit ist eine Folie auf den Bänken belassen, so, wie man es bei einem neuen Handy macht, das man vor Kratzern schützen möchte (die sowieso unausweichlich sind).

Obwohl das Neuland noch nicht zur Entdeckung geöffnet ist, wagen sich viele Mitbürger hinter die Bauzäune. Manche scheinen etwas misstrauisch, betasten das frische Fleckchen. Andere sind mutiger, genießen auf der Maintour mit Inlinenern eine Pause. „Es hat was von Hamburg“, meint ein junger Mann mit Skateboard neben sich, „Ganz so wie bei den Marco Polo Terrassen an der Elbe.“ Die Gegensätze zwischen rostig und rausgeputzt gefallen ihm, die Widersprüche seien „interessant“, passen zu Offenbach. Nur der klobige Hochhausneuling, der bald Bürotische und 3-Zimmer-Wohnungen beherbergen wird, störe. „Ich bin gespannt, was Offenbach hierdraus macht. Und wie lange es hier in Ordnung bleibt.“, sagt der Mann mit dem Tastsinn. Je nachdem, wie man´s nimmt, aber die ersten Papierchen sind bereits angeflattert, den unnatürlichen „Clean Look“ hat Offenbach noch vor der offiziellen Eröffnung abgestreift. Müll hindert eine Gruppe von Mädchen nicht daran, sich dem neuen Ufer spielerisch zu nähern. Eine von ihnen streckt auch die Füße ins Wasser, erntet dafür allerdings sofort ein harsches Wort von den Freundinnen. („Das ist kein Schwimmbad, das ist der Main du Schlaukopf!“). Die Einstellung der Mädchen zur neuen Hafen-Ära: „Wir waren schon früher hier. Und werden auch in Zukunft kommen.“

Es ist schön zu sehen, dass die Stadt in Bewegung ist, etwas aus dem Gegebenen machen möchte und die Lebensqualität durch dynamische Formen und Ausblicke pushen möchte. Dennoch sollten wir uns bewusst darüber sein: Offenbach lag schon immer am Meer.