Memento Mori

Als ich klein war, bin ich oft mit meiner Oma Anneliese auf dem Alten Friedhof spazieren gegangen. Mit ihr dort unterwegs zu sein, war immer sehr spannend, denn zu vielen Grabstätten hatte sie Geschichten auf Lager. Vor kurzem habe ich den alten Friedhof im Osten Offenbachs mit ein paar Freunden mal wieder besucht und die Erzählungen meiner Oma kamen mir wieder in den Kopf.

Ein Rundgang.

Wenn man das Tor zum Friedhof passiert, kommt man mit einer ersten Linksbiegung bereits an den Fuß eines Steinfeldes. Erdrückend viele Reihen aus kleinen Grabsteinen stehen in Reih und Glied, in Gedenken fest bei den im ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten. Nicht weniger eindrucksvoll ist das Säulenmonument, welches mittig im Steinmeer positioniert ist. Während des Krieges waren zahlreiche Fabriken auf die Munitionsherstellung umgemünzt worden. So auch die Firma Griesheim Elektron, die in Heusenstamm angesiedelt war. Beim Befüllen von Granaten war der Sprengstoff plötzlich hochgegangen und riss elf Mitarbeiter in den Tod.

Weiter den Hauptweg entlang stößt man auf das Grab der Familie Krumm. Ludwig Krumm hatte sich in der Lederwarenindustrie einen Namen gemacht, die Firma „Gold-Pfeil“ wurde berühmt und stand lange für Offenbache Qualitätsware. Es ist ein fast schon majestätisches Bauwerk: Steinerne junge Frauen bewachen das mit stählernen Blumen besetzte Tor der Ruhestätte. Früher war ich vor allem vom Nachthimmel des Mausoleums fasziniert, den man entdeckt, wenn man sich das Innere des Kuppeldachs betrachtet. „Du kannst die Sterne funkeln sehen“, hatte mir meine Oma immer gesagt und tatsächlich, vereinzelt hineinfallende Lichtstrahlen, die den Weg durch die spitzen Torstäbe meistern, schaffen ein freundliches Innenleben.

Intuitiv leite ich die langsam fröstelnde Truppe vom Mausoleum aus weiter in Richtung Osten. Wir kommen „zum Hund“. So schlicht benannten wir auf Spaziergängen das Grab, dessen Geschichte ich am liebsten mochte, weil sich meine Oma sehr gut darauf verstand, sie wie ein Märchen vorzutragen. Es gab mal einen Jäger, der in den Wäldern rund um Offenbach für Ordnung sorgte. Er war ein gutherziger Mann und immer an seiner Seite war sein ebenso liebenswürdiger Hund. Gefährte in Wind, Wetter, bei Tag und bei Nacht. Die beiden waren ein Team, Ermittler Moser und Rex auf hessisch sozusagen. Eines Tages wurde der Jäger schwer krank, er musste das Bett hüten und konnte nicht länger durch die Wälder streifen. Sein treues Haustier wich dem Krankenbett nicht einen Tag, ruhig harrte es an der Seite des sterbenden Herrchens aus. Der Hund wich auch am Tag der Beisetzung nicht, fand seinen Platz schließlich am Grab des dahingeschiedenen Jägers, als würde er die Rückkehr seines Kumpanen und erneute Wanderzüge in der Natur erwarten. Vor Kummer schien dem Hund der Appetit vergangen zu sein, er trank und aß nichts mehr, egal welches feine Leckerli man ihm auch vorsetze. Es war fast so, als wolle er mit seiner Sturheit den Jäger wieder zum Leben erwecken. Bald nach dessen Tod, verstarb auch der Hund des Jägers und das  – wie sollte es auch anders sein – an seiner Seite. Zur Erinnerung an dessen Treue bis in den Tod, hat man dem Hund ein Abbild aus Stein an dieser Stelle gewidmet. Neben der Steinfigur findet man immer ein kleines Schälchen, befüllt mit Wasser – falls er doch nochmal Durst bekäme.

Für uns geht es weiter den Hauptgang entlang, ich wie ein Reiseführer vorn dabei. Um einen bestimmten Gedenkstein zu finden muss ich allerdings erst meine Oma anrufen und nach dem Weg fragen (Meine Skills als Tourguide lassen bisher noch zu wünschen übrig). Die Geschichte des Schleusenunglücks ist mir dafür aber umso mehr in Erinnerung, denn erzählt wurde sie mir stets mit einem gewissen mahnenden Unterton, wenn wir vor dem länglichen Stein mit dem bunten Engelchen standen. Vor über hundert Jahren führte ein Schulausflug Kinder der Mathildenschule auf die rechte Mainseite ans Ufer, nahe einer damals existierenden Schleuse. Jungs aus Bornheim, „Bälger“ hatte meine Oma sie immer genannt, spielten am Schieber des Schleusentors herum und öffneten diese durch einen falschen Handgriff versehentlich. Die kindliche Spielerei führte zur Tragödie, denn die plötzlich ausströmenden Wassermassen rissen sechs Schulmädchen mit sich. Ein Bauarbeiter, der ihnen zu Hilfe kommen wollte ertrank ebenfalls.

Einen ganz besonderen Teil des Alten Friedhofs macht das Areal an den Ostmauern aus. Es handelt sich um den Jüdischen Friedhof und ich weiss noch, dass wir diesen bei den regelmäßigen Spaziergängen manchmal nicht betreten haben. „Es ist Sabbath. Für Juden ist das wie unser Sonntag, da brauchen die Ruhe“, hat mir Oma Anneliese auf Nachfrage geantwortet. Ich fand es immer schade, wenn wir diesen Tag erwischt hatten, denn die uralten Grabsteine stammen zum Teil aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und machten immer einen mystischen, verzauberten Eindruck. Viele der Inschriften sind schwer lesbar, haben dicke Moosschichten über sich oder sind beschädigt. Durch ein dickes Netz geschützt sind mittlerweile auch zwei Pyramiden, die in der Mitte des abgegrenzten Gebiets thronen und aus einzelnen, aufeinander geschichteten Grabsteinen bestehen. Diese stammen noch vom Friedhof, den es früher an in der Bismarckstraße gab, wurden bei der Etablierung eines eigenen jüdischen Friedhofs umgesiedelt.

Parallel zu den Bahngleisen wandern wir einen langen Gang Richtung Stadt hin zum Obelisken. Obwohl es meine Oma immer nur das „Russengrab“ nannte, gehörten die Opfer der Eisenbahnkatastrophe im Jahr 1900, an die das Grabmal erinnert, nicht nur dieser Nationalität an. Bei voller Fahrt prallte ein Personenzug auf der Strecke zwischen Mühlheim und Offenbach auf einen wartenden Schnellzug. Zehn Menschen, darunter zwei Russen, verbrannten. Ironischerweise warb eine Offenbacher Versicherungsgesellschaft kurze Zeit nach dem Unglück mit einer lebenslänglichen Eisenbahn-Unfall-Versicherung.

Langsam lässt die Kraft nach, wir steuern das letzte Grabmal an und kommen somit zur heimlichen Prominenz Offenbachs. Karl Winterkorn, genannt Streichholz-Karlchen. Wie sein Spitzname schon verrät, hat er Streichhölzer verkauft, tingelte von Kneipe zu Kneipe und stand oft auf dem Markt, um seine Ware an den Mann zu bringen. Er war stadtbekannt. Zum einen wegen seiner Größe. „Der war so klein, wie du jetzt bist.“, hatte mir meine Oma im Alter von neun gesagt, um mir die Ausmaße von 1,30 Meter klarzumachen. Zum anderen machte ihn sein Mundwerk zum populären OFF Original. So postulierte er stets, er würde mit Holz handeln. In Wahrheit musste er sich ziemlich durchschlagen, verbrachte die Nächte häufig unter der Carl-Ulrich-Brücke. Meiner Oma zufolge fand er hier auch in einem kalten Winter den Tod – er war erfroren.

Dieser Artikel ist meiner Oma Anneliese gewidmet, die mir hoffentlich bald glaubt,dass das was ich „mit diesem Internet und dem Block so treibe“ legal ist.
Liebe Oma, danke für deine vielen Geschichten, die ich nun mit anderen teilen kann.

Ein Gedanke zu „Memento Mori

  1. Ich moechte mich dem Dank anschliessen, dass du/ihr die Geschichten mit ‚mir‘ geteilt habt. Ich fand sie wieder sehr anruehrig. Danke schoen dafuer.

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