Inge

„Es sind ja nicht alle so blind wie ich“, sagt Inge, als sie zielsicher nach dem Lichtschalter tastet. Zusammen setzen wir uns auf die Couch des nun hellen Zimmers. „Die Kinder fragen auch immer, ob sie das Licht anmachen dürfen“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Frau Fieberling-Mainusch ist sozialpädagogische Lehrkraft an der Mathildenschule Offenbach. Dass sie trotz ihrer Blindheit diesen Beruf ausübt, darüber stolpern erstmal viele. Allem voran einige Kollegen. „Guck mal, du bist doch behindert. Willst du nicht besser bald mal zu Hause bleiben?“ Sie verstellt beim Rezitieren ihrer Fachgenossen die Stimme, was mich ziemlich amüsiert. Sie stimmt in mein Lachen mit ein, ihre offenherzige Art macht es sehr einfach, ins Gespräch zu kommen.

Wieder in der eigenen Tonlage angekommen, erzählt Inge von ihrer Arbeit an der als Problemherd bekannten Grund-, Haupt- und Realschule mit Förderstufe in Offenbach. „Ich leite Intensivunterricht für Kinder mit schulischen und sprachlichen Schwierigkeiten.“ Einige könnten bis in die 4. Klasse hinein nicht richtig lesen, das Zählen über 20 bereite Probleme, die deutsche Sprache hapere oft. Mit diesen Faktoren gehen häufig auch Verhaltensprobleme einher. Viele seien unruhig, könnten sich nicht lange konzentrieren. Da kann´s auch mal sein, dass vereinzelt Schüler das Singen anfangen. So wie Leila zum Beispiel. „>Ich glaub, dass du sie nicht mehr alle hast<, sag ich zu ihr. >Wenn wir hier bei ner Gesangstunde wär´n, hätt´ ich am Anfang Bescheid gesagt, keine Angst!<. Da war sie dann still.“ So schildert Inge mir eines ihrer Erlebnisse in Raum 104. Soviel Witz sie in die Sache steckt, so ernst kann die von Geburt an Blinde im nächsten Moment auch wieder sprechen. Das Problem mit solchen Kindern sei, dass ihnen in Ihrer Schullaufbahn häufig aufgezeigt würde, was sie alles nicht können. Beim Lehrplanwettrennen würden Schwächere schnell den Anschluss verlieren. Diese geben sich dann auf, rebellieren lieber, um zumindest die Lacher auf ihrer Seite zu haben. „Die meisten muss man aber nicht zu mir prügeln. Die kommen gern, weil sie merken, dass man sich Zeit für sie nimmt und dass das dann auch was bringt“, erzählt Inge von ihren Lerngruppen mit 3 bis 4 Kindern. Sie selbst hat den Anspruch mit dem Intensivunterricht den Kindern zu helfen und somit auch Kolleginnen und Kollegen zu entlasten.

Während wir über den Schulalltag reden, schleicht sich eine Katze leise in das kleine Zimmer. Die blonde Frau erschrickt nicht einmal, als Morle ihr auf den Schoß hüpft. Kurz ist sie abgelenkt von ihrem Haustier, miaut mit der schwarzen Katze um die Wette. Für die Kinder gibt’s zwar kein Gemaunze, dafür aber ein kleines Schaaf (eine Klangdose mit echtem Schafsfell umhüllt), das bei einer richtigen Antwort mäht. „Das kommt unheimlich gut an – dafür tun die Kinder gern was!“ Sie übt Wortartbestimmen, Rechnen oder diktiert etwas. Während die Schüler lesen, fährt Inge mit ihren Fingerspitzen auf dem dicken Papier Wort für Wort mit. Die gestanzten Blätter stellen für die Lehrerin grundlegendes Arbeitsmaterial dar: Ein Computer, der Texte einliest und in Blindenschrift übersetzt sowie der dazugehörige Drucker. Früher war das noch nicht so einfach, da musste ihr Mann Leo schon mal Fibeltexte vorlesen, sodass Inge diese mit einem Blinden-Stenographen eintippen konnte. „Früher haben wir stundenlang da gesessen und „Toni und Fine backen einen Kuchen“ und so Kram in den Ohren gehabt. Wahnsinn!“, bestaunt Inge nun. Aber durch diese Arbeit kam die Lehrerin zumindest „auf das geilste überhaupt“. Irgendwann hat sie nämlich angefangen, Übungsblätter selbst zu konzipieren, hat sich überlegt, wie man die lahmen Texte aufpeppen kann. „Kinder sind viel konzentrierter, wenn sie ihre eigenen Namen in Übungen lesen – sowas wie „Rums da fällt der Onur um, oh das ist ja wirklich…. – und dann müssen sie sagen, was sich da drauf reimt.“ Wenn die Schüler das dann schaffen, seien sie richtig stolz und am besten zu motivieren auch mal daheim weiter zu üben.

Die Aufbereitung dieser Texte geht schnell – schließlich ist Inge gelernte Stenotypistin und ausgebildet an der Schreibmaschine. Absolviert hat sie diese Ausbildungen an einem Internat speziell für Blinde. Nach einer kurzen Arbeitsphase – wo sie, wie alle jungen Menschen – alles einmal ausprobiert habe, entschied sie sich dann für ein Studium der Sozialpädagogik an der evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Um durchzukommen, zeichnete sie sich alle Vorlesungen mit Hilfe von Tonbändern auf und tippte die daheim ab. Vor Prüfungen diktierten ihr Kommilitonen die Theorieschinken, Seite für Seite. „Der Rückhalt war fantastisch – ich wurde sehr gut unterstützt und habe diese Hilfe auch sehr dankend angenommen.“, erzählt sie. Nach einem Praktikum an einem Jugendzentrum in Dreieich, aus dem Inge nach einem Fastunfall mit einer vorbeifliegenden Bierflasche gerade noch unbeschadet herauskam (Sie hört heute noch das Surren der Flasche an ihrem Ohr) und einem Jahr in der Verwaltung des Sozialamts Dreieich, ist sie endlich an die Schule gekommen. Nach vielen Einwänden. „>Was ist denn wenn die Kinder weglaufen oder sie vereimern? Ja was machen sie denn wenn?< Immer dieses „Wenn, wenn“…Wenn meine Oma Rollen hätte, wäre sie n´ Omnibus.“ Sie bringt mich wieder zum Lachen, trotzdem, wir sind bei einem heiklen Thema angelangt. „Viele gehen davon aus Blind = Blöd. Weil die Augen im Kopf stecken und dass dann zwangsläufig mit dem Hirn zu tun haben muss, kann die Alte ja gar nicht richtig ticken, meinen die.“ Es gäbe einen großen Unterschied zwischen denjenigen, die einfach höflich Hilfe anbieten, ihren Alltag vereinfachen und denen, die sie nicht als Mitglied eines „normalen“ gesellschaftlichen Alltags sehen. Im Kindergarten hatte Inge damit im wahrsten Sinne besonders schmerzvolle Erfahrungen – als ein Mädchen ihr etwas wegnehmen wollte, biss sie sich an ihrem Finger fest – bis auf die Knochen. Harry, ein anderer „Tyrann“ nutzte die Pausenzeiten dazu, ihren Rucksack mit dem Frühstück in den Dreck zu werfen. „So ein gemeiner Kerl …den Namen vergess ich nie – im Knast sitzt der heute hab ich gehört. Zu recht!“, bringt sie halb sarkastisch, halb stoisch hervor. Man spürt bei allem Witz, bei aller Schlagfertigkeit der Lehrerin, dass solche Erinnerungen unter die Haut gegangen sind. Trotzdem – heute tritt sie souverän auf. Auch in Anbetracht der wohlbekannten „Grausamkeit von Kindern“, die sie von ihren Schülern auch dann ertragen muss, wenn sie ihr vorm Gesicht rumfuchteln. Mittlerweile macht sich Inge oft einen Spaß daraus – reagiert sehr treffend auf die vermeintlich unbemerkten Spielereien. Ihr gutes Gehör macht sie auf die Zappeleien der Schüler aufmerksam und ihr lockeres Mundwerk versetzt die Ertappten in eine Mischung aus Verwunderung und peinlicher Berührung zur Ruhe. So wie neulich, als Jemand im Vorbeigehen die Tür des Übungsraums aufriss. „Aber aus Zufall hab ich da gestanden und mir ihn dann gegriffen, den kleinen Depp.“ Trotz aller Bemühungen, trotz der Unterschätzungen – Frau Fieberling-Mainusch liebt ihren Job und wird dabei noch besser als manch anderer mit den Herausforderungen fertig, die der Problemherd Offenbachs an seine Lehrer stellt. „Ich weiß, dass ich eine gute Arbeit mache. Es bringt mir Spaß. Und solange ich mit meinem kleinen Stöckchen noch die Straße entlang tattern kann, mach ich das auch weiterhin.“

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