Mormonen in Offenbach – Nachtrag

Nach der ausgiebigen Führung in der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, haben wir uns dazu entschieden, einen Schritt weiter zu gehen – und haben den Gottesdienst der Mormonen besucht.

Für die Erleuchtung am Sonntag wurden die Rollläden zeitig hochgezogen. Pünktlich um halb zehn waren wir bereit, schick angezogen, wie es bei den Mormonen üblich ist. Der Parkplatz war mit ein paar Autos belegt. Das Gefühl, sich in einem Amt zu befinden war gewichen, vielmehr ähnelte es nun einem Tag der offenen Tür in der Schule. Viele Kinder waren unterwegs. Schick gekleidete Leute reichten uns freundlich die Hände, als sie uns als Newbies erkannten, erkundigten sich, wie wir auf den Gottesdienst aufmerksam geworden sind.

Elder Lewis hatte uns gleich aufgespürt, erstaunt und gleichermaßen froh darüber, uns zu so früher Stunde im Gottesdienst anzutreffen. Er und Elder Wolz setzen sich neben uns, als wollten sie uns Beistand leisten. Die Kirche war nicht wirklich gefüllt, höchstens 30 Leute. Das verwunderte uns, hatte Bruder Schulz doch von circa 80 regelmäßigen Gästen gesprochen. Relativ viele Männer hatten vorne neben dem Altar der Kirche Platz gefunden, sie schienen eine höhere Position inne zu haben. Die Andacht begann mit einer musikalischen Einstimmung, niemand erhob sich dazu. Es folgten offizielle Ankündigungen des Bischofs, ein kleiner Mann mit Brille. Im Raum war es unruhig, was vielleicht an den Kindern lag, von denen einige ihren Eltern an den Haaren herumspielten. Trotzdem schien der Hauptteil der Gäste interessiert. Auflockerungspausen wurden mit Liedern gefüllt, die sich im Nachhinein alle irgendwie ziemlich ähnelten. Ein kleiner Junge schlappte nach vorn und trug das Glaubensbekenntnis der Mormonen vor. Die nächste Dame berichtete von der Suche nach ihren Vorfahren und hob hervo, wie wichtig die Verbindung zu den Geistern Verstorbener ist, um selbst glücklich werden zu können.

Das Abendmahl war ähnlich zur evangelischen oder katholischen Eucharistiefeier. Die Sakramente wurden mit Psalmen gewürdigt, Messdiener trugen Schalen mit Brot durch die Reihen. Ein Unterschied lag allerdings beim Wein. Der blieb nämlich aus. Wie Shots tranken die Teilnehmer Wasser aus winzigen Plastikbechern. Wir verzichteten dankend auf Brot und Weinersatz, was ohne Überzeugungsversuche akzeptiert wurde.

Kurz vor Schluss stand noch ein Vortrag über Familienleben an, abermals gehalten von einem Kirchenmitglied. Etwas nervös schilderte er die Wichtigkeit vor allem Kindern den Glauben nahe zu bringen. Er versuchte dem immer unruhiger werdenden Publikum stand zu halten, brachte Verse und Gleichnisse in seine Predigt ein.

Die tiefe Überzeugung, wie wir sie von Bruder Schulz und den Missionaren kannten, spiegelte sich nicht allzu deutlich in der Feier wider. Einen eher unspektakulären Eindruck erhielten wir. Manches schien sogar etwas widersprüchlich. Zum Beispiel, dass der Bischof keine religiösen Inhalte an die Gemeinde richtet, sondern diese nur von Mitgliedern selbst vorgetragen werden. Die Tatsache, dass der Prophet höchstpersönlich in der Jahrhunderthalle zugegen sein wird und für die Ticketsicherung im Gottesdienst geworben wird, scheint ebenso fragwürdig. Das Angebot, die im Anschluss stattfindenden Lehrstunden doch noch wahrzunehmen, schlugen wir aus.

Trotz eines weiteren Schrittes rein in die Welt der Offenbacher Mormonen, sind wir nicht weitergegangen. Wenn wir nächste Woche wieder vor der Frage stehen, ob wir der Erleuchtung eine Chance geben, bleibt der Rollladen wohl eher unten.